#FemalePleasure


© 2018 X Verleih

 

Das Leben. Jeder Mensch empfindet es anders. Man steht morgens früh auf, befindet sich in einer Kultur, einem Land, hat sich an die Lebensumstände um einen herum angepasst. Vielleicht gewöhnt. Definiert sie als gegeben und findet sich damit ab. Oder nicht.

Daraus resultiert die Stimmung. Menschen verändern ihre Stimmung, wenn diese negativ ist, indem sie sich gegen bestehende Systematiken wehren, dagegen rebellieren und etwas anzetteln, dass großräumig etwas verändern soll. Oder sie ziehen sich zurück und leiden still, gehen dabei ein und opfern ihre mentale Psyche für den Umstand, dass von außen her keiner etwas ändert.

#FemalePleasure behandelt ein Thema nun mit einem großartigen Aufmerksamkeitsaufgebot: Frauen.

Nun haben wir da bereits verschiedene großflächig angelegte Diskussionen. Großkotzige Fernsehauftritte von Extremen, die zwar für ihre Art stehen, aber von der Allgemeinheit schon wieder zu „übertrieben“ wahrgenommen werden, man interessiert sich nicht dafür oder findet es fast schon wieder eklig, mit welcher Verbissenheit manche sich um diese Dinge scheren.

Sind sie wichtig? Warum sind sie wichtig? Und wie befreit man sich von dem schlierigen Mist drumrum und besinnt sich auf den Kern der Dinge?

Die gute Nachricht ist: Die Suche nach Antworten auf diese Fragen braucht uns alle nicht scheren, denn darum haben sich die Produzentinnen von #FemalePleasure bereits gekümmert: Gleichberechtigung, das Bild der Frau, die klaffenden Informationslücken bezüglich verschiedener Praktiken: All das wird hier in einer plastischen, unvergessbaren und tief schürfenden Art aufgegriffen und den Menschen serviert, vor der ich einen Heidenrespekt habe.

Wenn sich je mal einer gefragt hat, wie das ganze Gelaber in richtig geht: So hier.

Was dieser Film an die Oberfläche bringt, sind teils provokante, teils interessante, teils schockierende Fakten, die plastisch darstellen, was weltweit 2018 (!) mit Frauen angestellt wird. Gleichzeitig beleuchtet der Film auch noch, warum das getan wird. Welche Beweggründe Menschen dazu führt, so etwas zu vollziehen.

Es ist kein Gebashe verschiedener Nationen, kein Krieg unter Religionen und kein Rumgeschreie verschiedener lesbischen Klischee-Vertreter in maroden Talk-Formaten, sondern eine unglaublich präzise, galante, und ehrwürdige Aufklärung, die sich nicht für eine Seite entscheidet (also ja, ihr Männer, auch ihr könnt euch das anschauen, ohne als das pure Böse abgestempelt zu werden) und die niemanden denunziert, sondern einfach das richtige tut: Fragen stellen.

Dem Zuschauer werden direkt und indirekt Fragen gestellt. Und darüber ein Denkprozess in Gang gesetzt, der aus dem unverwüstlichen und undurchdringbaren Verbal-Wortball auf einmal klare Linien herauszieht und entschlüsselt, wie die Menschheit sich verhalten könnte, damit alle auf diesem Planeten ein etwas besseres Leben hätten.

Und bevor ihr eure Bio-Schmalz-Tiegel aus dem Bastkörbchen zieht und nach mir werfen wollt: Nein, auch hier driftet man in keinerlei Klischees ab, sondern untersucht diverse Fakten einfach anhand fünf verschiedener Weltreligionen und unterschiedlicher Kulturen und zeigt, wie an verschiedenen Orten dieses Erdballs mit diesen Themen umgegangen wird.

Dank der digitalen Vernetzung gibt es ja schon längst keine Grenzen mehr, auch wenn Politiker immer noch hart daran arbeiten, eben jene weiter aufrecht zu erhalten und dabei nicht merken, dass sich das Gedanken- und Bild-/Videogut schon längst weit darüber hinaus ausgebreitet hat. Insofern entsteht eine neue Verantwortung einzelner, für Missstände von Schwächeren einzustehen und endlich damit zu beginnen, gemeinschaftlich diese Welt zu verbessern.

Oder um es auf cineastisch zu sagen: DU bist Superman und Wonder Woman in einer Person.

Unter normalen Umständen (ja, heutzutage ist nichts mehr normal) sind immer diejenigen, denen es gut (oder besser) geht, diejenigen, die sich um das Leid der Schwachen und Armen zu kümmern haben und dafür sorgen sollten, dass eben jene Missstände von der Bildfläche verschwinden. Und da global gesehen der Westen eben zu jenen Bereichen gehört, dem es vergleichbar exzellent geht, liegt hier auch ein Großteil der Verantwortung, der zeitgleich bedeutet, dass man eben etwas mehr gibt, als andere und etwas kräftiger dazu beiträgt, die Dinge beim Namen zu nennen und dann zu beseitigen.

Wie gut wir damit zurechtgekommen sind, hat jüngst ein Flüchtlings-Phänomen gezeigt, dessen faule Früchte immer noch an den Straßenrändern herumliegen und wütend besorgt um sich treten.

Doch hier geht es nicht um Wohnraum, angeblich geklaute Arbeitsplätze oder immense Kriminalitätsvorwürfe, sondern um das Lustempfinden der Frau, die Darstellung des weiblichen Körpers, den Selbstwert und das kulturelle Wahrnehmen des weiblichen Geschlechts.

Und ja, hier gibt es Defizite. Schwere Defizite. Und dabei sind nicht die billigen Argumentations-Diskussionen im Gender-Streit gemeint, die sich die Parteien gegenseitig seit Jahren an den Latz werfen. Hier geht es schlichtweg darum, dass es immer noch viel zu viele Orte gibt, an denen morgens Menschen aufstehen und eine absolute Scheißkultur vor sich finden, in der sie nicht frei atmen, nicht frei leben, sich nicht frei ausdrücken können.

Für uns Westländler: Einfach aus dem Bett zu gehen und sich eine Hose anzustreifen, um pfeifend aus dem Haus zu spazieren, ist nicht überall auf der Welt eine Selbstverständlichkeit. Solche Banalitäten sollten aber definitiv eine sein.

Wir müssen langsam begreifen, dass das Anwesen, in dem wir wohnen, einen unglaublich großen Anbau dazu bekommen hat und unser Horizont längst nicht mehr an der Landesgrenze enden sollte. Und wir müssen begreifen, dass die demokratischen Grundsätze und ganz simple, grundsätzliche Menschenrechte weltweit eingeführt werden sollten, nach denen sich jede Regierung zu richten hat, wenn sie nicht aus der Weltgemeinschaft verbannt werden möchte.

Diese Zustände mögen für uns Deutsche wohl schon lange gang und gäbe sein, aber genau diese Freiheiten kennen Millionen von Frauen auf dieser Welt noch nicht.

Und darum handelt diese Dokumentation verschiedener Aspekte diesbezüglich. Integration beginnt also nicht erst beim syrischen Flüchtling, der 2016 auf einmal vor der Türe steht und rein will, Integration beginnt direkt neben einem beim weiblichen Geschlecht, dass immer noch nicht weitreichend als eigenständig wahrgenommen wird und längst nicht die Selbstverständlichkeiten genießt, die sie genießen sollten.

Und wie das geht? – Schaut euch den Film an … und dann beantwortet dessen Fragen einfach in euch selbst. Mehr ist es nicht.

 

.kinoticket-Empfehlung: Großer Gott, wie bring ich diese Wichtigkeit jetzt auf einen Nenner?

Es ist ein Werk, dass diese Welt dringend braucht – und nun hat, dass den Gang durch die leidigen Diskussionen auslässt und sich gleich aufs Wesentliche konzentriert. Nicht verurteilt, nicht mit dem Finger auf andere zeigt, sondern in ruhiger, vehementer und aufschreiender Weise aufklärt, erzählt und so für Kulturenverständigung, Integration, Verständnis und Aufmerksamkeit sorgt.

All dies in einer Weise, die längst nichts mehr mit Wehleidigkeit oder alten Phrasen ausgeschmückt ist, sondern klar bebilderte Zustände von überall auf der Welt zusammenträgt und somit resümiert, was im Hause der Menschheit gerade so los ist.

Es wird Zeit, dass wir familiär zusammenkommen und diese Umstände begraben. Der Film macht dafür einen großartigen Anfang – also geht rein und macht ihn zu einem Erfolg. Nicht wegen des Geldes, sondern deshalb, damit ihn mehr als 7 Kinos in Deutschland zeigen und er so lange im Programm bleibt, bis ihn so viele gesehen haben, dass ihn sich der Rest zwingend im TV oder VoD anschaut.

 

Nachspann
❌ hält keine weiteren Szenen parat. Rausgehen erlaubt.

Kinostart: 8. November 2018

Original Title: #Female Pleasure
Length: 101 Min.
Rate: FSK 12

Läuft wo? Nutzt einfach die Suche von Kino-Zeitindem ihr hier klickt :-) und eure Stadt und Radius eingebt.

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Don’t Worry – Weglaufen geht nicht

Endlich wieder ein Titel, der von amazon studios produziert wurde und trotzdem das Licht der Leinwand erblicken darf: Dieses Werk braucht sich überhaupt nicht hinter aktuellen Kinoblockbustern verstecken, sondern zeigt einmal mehr, wozu das ehemalige Buchverkäufer-Label in der Lage ist. Und ich finde es großartig, dass man diesem Stück die Kinoauswertung nicht vorenthält, sondern den Zuschauern die Möglichkeit gibt, das Werk auf dem Big Screen zu besehen.

Die Story basiert auf dem wahren Cartoonisten und wird von Joaquin Phoenix hervorragend gespielt. Hat der überhaupt je einen Flop produziert? Mit flapsigem Humor bestückt schlängelt sich das bewegende Drama über alle Ebenen hinweg und portraitiert den Aufstieg und Fall eines Menschen in unterhaltsamer und einprägender Weise.

Die Portion Ruhe, die der Film dabei mitbringt, wirkt wie eine solide Basis, die es einem seelisch nicht ermöglicht, in irgendwelche Abgründe zu fallen, sondern garantiert, dass man trotz der ernsten Phasen dennoch seinen Spaß hat und nicht selbst in irgendwelche Depressionen rutscht. Zeitweilig wirkt es fast wie eine Doku, allerdings ohne das Stundenplan-Gefühl. Man hat einfach seine Freude beim Schauen, darf sich dabei auch gerne ein Popcorn genehmigen und erfährt vielleicht ein wenig Unterstützung dabei, wenn es darum geht, wieder „zurück ins Leben“ zu finden.

Die Story ist definitiv spannend und es ist interessant, welche – und vor allem, woher – er seine Inspirationen nimmt. Ein spannender Fakt ist zudem: Obwohl ich mit dem Großteil des Casts bislang nicht so wirklich grün geworden bin, stört die Besetzung hier absolut nicht, sondern man wundert sich eher, dass wirklich diese Personen auf der Leinwand zu sehen sind: Sie fügen sich so wunderbar in den Plot ein, ohne Personenverherrlichung, die es auf Plakaten und in der PR bei Hollywood sonst übermäßig viel gibt.

Und mit dieser fast schon einzigartigen Genügsamkeit erobert sich der Film den Weg in die Herzen der Zuschauer ganz von allein.

 

.kinoticket-Empfehlung: Einprägsames Erzählerlebnis über das Leben eines vom Leben gezeichneten Menschen.

Die Story hinter ihm ist bezeichnend. Das Werk zeigt einmal mehr, dass Streaming-Giganten auch am Kino nicht vorbei müssen, sondern beide Optionen Hand in Hand miteinander kooperieren können. Die aufgelockerte und ruhig-fundierte Erzählweise sorgt für ein nachhaltiges Erlebnis beim Zuschauer und öffnet die Möglichkeiten für suchende Menschen, indem man viel Inspiration und Vorbildverhalten liefert. Und das ohne großartiges Helden-Rumgepose, sondern mit einer genügsamen und defensiven Einstellung.

Großartig!

 

Nachspann
✅ zeigt den wahren „Wegläufer“ und zertifiziert damit die Geschichte als wahre Begebenheit.

Kinostart: 16. August 2018

Itzhak Perlman – Ein Leben für die Musik

Jeder kennt das aus dem TV: Wenn einer nix kann, dann singt er einfach und kommt damit auf die Bühne. Ich war nie ein Freund von solchen „Möchtegerns“, denn zwischen Singen können und singen können zu meinen besteht ein himmelweiter Unterschied. Und genau den erkennen weder die selbsternannten „Stars“ noch ist irgendeiner aus der Familie oder dem Umfeld so liebenswert, ihnen die nackte Wahrheit ins Gesicht zu sagen, bevor sie sich vor aller Welt auf dem Bildschirm blamieren.

Dann gibt es zwischendrin immer wieder mal Menschen, die haben wirklich was auf dem Kasten. Das waren die, die in meiner Kindheit eine Band hatten, wo es noch nicht üblich war, dass von überall her Musik aus den Poren quoll und jeder x-beliebige Dahergelaufene eben mal einen Plattenvertrag abstauben konnte, indem er einfach … „singen“ wollte. Daran konnte man damals die Talente von den Möchtegerns unterscheiden. Heute sind die Playlists einfach voll von allem möglichen und die wahren Talente gehen in der Masse an Durchschnitt einfach unter.

Gut, dass Filmemacher wie Alison Chernick auf eben jene Talente aufmerksam machen, damit man gezielt nach ihren Musiken suchen kann und sie unterstützen, indem man eben ihre Musik kauft bzw. hört und somit Tantiemen generiert, die den Stars zugute kommen. Ist ja alles nicht mehr ganz so einfach wie früher.

Warum schreibe ich dann hier trotzdem keine überschwänglichen Lobeshymnen auf ein Meisterwerk der Kunst?

Nun, wenn man heutzutage Filme mit Inhalt in die Kinos bringen möchte, dann landet man ziemlich schnell in der Dokumentations-Ecke und macht einfach irgendwas über irgendwen, der irgendeine Bewandtnis in der Weltgeschichte hat.

Und da bietet sich ein virtuoser Geigenspieler natürlich an wie Butter für trocken Brot. Und ja, Itzhak Perlman kann spielen – wirklich. Und bereits zu Beginn des Films stellt man fest: Dieser Mann ist gebeutelt. Gebeutelt von Schicksalen, die sich keiner wünscht.

Und der Film nimmt herrlich erfrischend überhaupt keinen Bezug darauf, sondern „ignoriert“ das einfach und konzentriert sich auf die Musik. Gei……. äh…. Mist, er thematisiert es doch und hackt wieder auf dem „Armen“ rum und zelebriert RTL-Heulniveau im großen Stil.

Ich habe inzwischen einige Dokus aus dem Musiker-Bereich gesehen (auch viele, die noch kommen werden) und daher einiges an Vergleichen mehr, als vielleicht derzeit manch anderer und ich kann euch guten Gewissens sagen: Das geht definitiv besser.

Nichts gegen seine Musik, nichts gegen seinen „Aufstieg“ und „Kampf“ im Leben, aber der Mann hat einfach nichts zu sagen. Jüdischen Ursprungs – na und? Interessiert das irgendwen? Was hat das genau mit der Musik zu tun? Ist die deshalb besser als wenn es ein Marokkaner oder Asiat wäre? Oder schlechter?

Und wollen sich Menschen, die sich eine Doku über einen Violinexperten anschauen, wirklich mit den 1.000.000.000x gezeigten Bildern jüdischer Geschichte auseinandersetzen, die in dem Fall (fast) gar nichts mit seiner Lebensgeschichte zu tun haben? Und die Musik auch nicht im Geringsten beeinflussen?

Und damit hat man just another Schmonzettenwerk aus der Schwarz-Weiß-Schmiede deutscher Bosheit gegenüber den Israelis und ignoriert, dass eben jene beiden Länder z.B. in dem grandiosen Foxtrot cineastisch zueinander gefunden haben und Hand in Hand miteinander durch die kulturelle Landschaft spazieren.

Neben den durchaus beeindruckenden Violin-Ausflügen und Konzerteinlagen besteht der Film also ausschließlich aus Belanglosigkeit und wiedergekäutem Zeug, das niemanden mehr interessiert und auch nichts mit der Thematik zu tun hat.

Positiv anmerken könnte man noch, dass dies mal nicht so eine Doku ist, in der man alles und jeden vor die Kamera zerrt und ihn über die ach so geilen Momente berichten lässt, in denen er diesem und jenem die Hand geschüttelt oder ihn gesehen hat, sondern man sich tatsächlich auf den engsten Familienkreis beschränkt und quasi immer „nah am Geschehen“ bleibt.

Achja, eine persönliche Anmerkung noch, damit ihr meine Kritik besser versteht: Ich bin ein „Klavierkind“ und konnte Geigen bislang nie etwas abgewinnen. Streicher find ich geil als Untermalung im Orchester, als Hintergrund-Fundament in Soundtracks sind sie unschlagbar und als „Bass-Ersatz“ absolut zu gebrauchen, aber sobald Violinen die Oberhand ergreifen, bin ich in der Regel raus.

Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – habe ich auf das geschaut, was man außerhalb der Musik noch geboten kriegt, und da kommt eben … nichts. Schade.

 

.kinoticket-Empfehlung: Virtuoser Violinist mit großartigem Können, der aber ansonsten absolut nichts zu sagen hat und darum auch nicht zwingend eine Doku verdient hätte.

Wer auf Streicher steht, findet hier genügend Szenen, die beeindruckend klingen, das ganze Trara um den Mann und sein Leben hätte man sich deshalb aber gerne schenken können. Die liefern keine neuen Erkenntnisse oder irgendetwas erzählenswertes.

 

Nachspann
✅ Darf man ausharren, der Film hört erst ganz zum Schluss auf.

Kinostart: 09. August 2018

The Square

„Das ist einer der besten Filme, die ich je gesehen habe.“ – und wenn hochkarätige Pressevertreter so etwas zu mir sagen, muss da etwas dran sein. Und tatsächlich: Dieser Film ist eine enorme Herausforderung.

Warum denn? Nun – ich, völlig vorbehaltslos gegen 21 Uhr ins Kino und als ich dann aus dem Saal spaziert bin, war es bereits gegen Mitternacht. Mit 142 Minuten reiner Laufzeit verlangt der den Zuschauern von Beginn an schon mal zeitlich eine gute Portion Durchhaltevermögen ab – und dabei hört es noch lange nicht auf.

Meine beiden Cinebuddys waren der Meinung, dass es sich hierbei um eine Kunstsatire handelt, die im komischen Stil verpackt an den Zuschauer weitergereicht wird. Weit gefehlt.

The Square hat nichts mit Kunstsatire zu tun. The Square ist Kunst. Und zwar von der anspruchsvollen Sorte. Einerseits mal ganz klassisch, wie man Kunst eben so kennt – mit Museum, Ausstellungen und Objekten mitsamt ihren Erklärungen.

Andererseits aber auch als Film selbst. Selten habe ich etwas so Gesellschaftsreflektiertes und geistig Anspruchsvolles auf der Leinwand gesehen, dass mit einer derart brachialen Macht ein Bild wiedergibt, dass man zu Hauf in den Zeitungen und Medien vorfindet. Und zwar nicht im BILD-Style, sondern in Intellekt ertränkt!

Für mich war’s ein Hochgenuss! Man wird als Beobachter vor Situationen geprügelt, die einem einfach nur weh tun und die alle Reflexe im Hirn und der Seele wachrütteln und man kann einfach nur dabei zuschauen, was passiert. Sozialkritische Studie vom Feinsten in allerbester Güte – mit einer sinnvollen und provokanten Rahmenhandlung, eingehüllt in so zahlreiche Beispiele grandioser Kunst, dass es einfach nur zum Feiern ist!

Würde ich mir das Werk wieder antun?

Auch, wenn mich mein Wohnpartner jetzt zu Tode prügeln will: Ja! Definitiv!

Was man in diesem Werk keinesfalls vorfindet: Stammtischgequatsche, lapidare Parolen, niederer Instinkt, Belanglosigkeit, Schwachheit.

Was man stattdessen geboten bekommt, sprüht nur so aus allen Poren vor Intelligenz, Grandiosität, Fantasie, Einfallsreichtum, Eleganz und apokalyptischem Versagen, dass einem das Herz vor Feuer verzehrt werde.

Und dann noch so lang: Man nimmt sich wirklich Zeit. Nicht, um dem Zuschauer etwas zu erklären, sondern man fordert und fordert… Jedesmal, wenn eine Erklärung kommen sollte, wird die mit neuen Forderungen erschlagen, damit das Hirn ja niemals aufhört, auf Vollgas zu laufen.

Leute? Zu behaupten, Kino hätte heute keinen Anspruch mehr und es liefe nur noch amerikanische Scheiße, zählt ab sofort nicht mehr, denn es gibt The Square, der deutlich das Gegenteil beweist. Danke Schweden!

 

.kinoticket-Empfehlung: Und wer sich nach diesem Festmahl an geistiger Herausforderung und exzellenter Sozialprovokation mit mir darüber unterhalten möchte: benjamin@directbox.com – Mail schreiben!

Ich habe große Lust auf gehaltvolle Konversation und freue mich allein schon darauf, Leute kennenzulernen, die es mit Freuden bis zum Schluss durchgehalten haben. Haut rein – schaut ihn euch an und dann lasst uns damit fortsetzen. Wo packen wir unser Quadrat hin?

 

Nachspann
Liefert dann keine weiteren Ergebnisse und Szenen, man darf also wieder raus in die Nacht.

Kinostart: 19. Oktober 2017

Auguste Rodin

Hand hoch, wer kennt ihn? Ich zähle … genau. Mir sagt der Name nämlich auch rein gar nichts und dementsprechend unvoreingenommen bin ich in diese Vorstellung spaziert und habe mich davon berieseln lassen, was da kommen möge.

Regisseur Jacques Doillon hat sich der Verfilmung des Biopics eines Menschen angenommen, der in unserer Welt großartiges vollbracht hat, dafür aber privat mit genügend anderen Problemen hat kämpfen müssen.

Was zuerst auffällt: Die Hingabe zur Kunstfertigkeit und das Zeitnehmen zum Betrachten und dabei Zusehen, wie solche Kunstwerke entstehen. Noch niemals wurde ein Schaffensprozess derartig in Ton und Bild gewürdigt, wie es hier der Fall ist.

Das Eintauchen in diese für den Durchschnittsmenschen völlig abgeschiedene Welt der Arbeit entbehrt jedweden Beispiels, so dass man allein durch die Zurschaustellung des Konzipierungsprozesses eine völlige Alleinstellungstaktik vollzieht, die aus dem Film an sich schon wieder etwas Sehenswertes abseits des sonstigen Geschehens macht.

Dass dabei dem Publikum währenddessen genügend Zeit zum Nachgrübeln und Ergründen des ergänzenden Menschen drumherum bleibt, ist vielleicht Bonus, vielleicht auch beabsichtigt und gibt hier einer eigentlich in kurzen Sätzen erzählten Thematik ausreichend Raum, um sich zu entfalten und auch die dunkelsten Ecken ins Licht zu ziehen.

Apropos Licht: Kunst bedeutet immer in gewisser Weise den Umgang und die Inszenierung von Licht – und dabei hat man hier wahrhafte Könner ans Werk gelassen: Die Optik allein ist einen Besuch im wörtlichen Lichtspielhaus wert.

 

.kinoticket-Empfehlung: Grundsätzlich kann man sagen, ist Auguste Rodin eine Hommage an die Kunst und all dessen, was der Betrachter von außen nicht so mit kriegt.

Durch verschiedene Film-Elemente wird auch hier sehr großer Wert auf die Darstellung der verschiedenen Objekte gelegt und ihr Wesen im Rahmen dieses zweistündigen Films erklärt.

Ein zutiefst befriedigender Einblick, der sich vor allem eins vom Publikum nimmt, um es ihm ausgefüllt wieder zurückzugeben: Zeit.

In dieser hektischen Welt ein Denkmal für die wahrhaften Inhalte, denen sich keiner mehr so wirklich zuwendet.

 

Nachspann
bleibt ohne weitere Szenen oder Überraschungen, der Gang aus dem Saal also für den Betrachter konsequenzlos.

Kinostart: 31, August 2017

Knock Knock

Bei Eli Roth denk ich zuerst an Quentin Tarantino (warum auch immer) und anschließend an die Intelligenz von Lie to Me. Wenn dieser Typ sich also dazu aufmacht, einen Film zu erschaffen, dann muss dieses Werk irgendwie genial-verquer sein, sonst wäre es nicht Roth.

Ein weiterer Aspekt: Reeves hat seine role-of-life an Neo aus The Matrix verspielt und ist deshalb nur noch in irgendwelchen abgehalfterten Meisterwerken absonderlicher Güte zu sehen, die seine kaputte Art unterstreichend ausleben und ihm dadurch einen Showroom bieten, in dem er er selbst sein kann.

Was wäre also besser geeignet, als – mit ihm in einer der Hauptrollen – einen Film zu drehen, der dekadent eine Ballade der Destruktion feiert, die dem gemeinen Publikum nicht-wundersamerweise bitter aufstößt.

Der Mensch kommt mit Zerstörung nicht zurecht, und reagiert deshalb angewidert, wenn man ihm eben jene huldvoll und ehrlich vor die Stirn setzt – und das, obwohl er perverserweise mit nichts anderem beschäftigt ist, als sich im Alltag beständig selbst zu zerstören. Ironischerweise schmeckt diese Wahrheit – entgegengebracht von Hollywood – dann im Kino noch bitterer als anderswo und sorgt allseits für trübe Gesichter, die aus dem Kinosaal spazieren.

Dabei ist gerade dieses Werk vollgepackt mit einer Form abgöttischer Intelligenz, dass sich alle Kinohunde die Finger danach lecken sollten. Es wird kaputtgemacht – das kennen wir von Tarantino bereits zur Genüge und bei ihm stehen die Massen Beifall klatschend an den Straßenrändern und feiern ihre geistige Sinnlosigkeit – und dabei mit dem Zuschauer genau das veranstaltet, was Reeves im Film über sich ergehen lassen muss: Er wird auf perfide Weise vorgeführt und an den Rand seiner eigenen Argumentation gebracht.

Diese Arbeitsweise stinkt nicht nur gegen alle bisher flapsigen Versuche, die Welt zum Nachdenken zu bekehren, sondern begeistert dazu noch mit einem intelligent verpackten Geniestreich, der einem während dem Film noch nicht so richtig klar werden kann, weil man viel zu nah an der ganzen Sache dran ist.

Beispiel? „Kunst ist tot.“ Wenn ich mich darüber aufrege und der Meinung bin, dass man in einem Film etwas derartiges von sich geben kann, dann bin ich der Meinung, dass Kunst lebt. Wenn Kunst lebt, dann ist dieser Film auch eine grandiose Form von Kunst, die ebenfalls ihre Daseinsberechtigung hat und gerade deshalb pompös gegenüber anderen Kunststücken glänzt, weil sie so provoziert und damit von mir als Zuschauer einfordert, dass ich den Film in mein Kontra-Argument ebenfalls mit einbinde und ihn folgerichtig gut finde.

Ergo wird meine Diskussionsunfähigkeit öffentlich zur Schau gestellt und heldenhaft niedergerissen. Auf der Leinwand flimmert der Beweis, dass der Mensch nicht mehr fähig ist, sein Hirn anzuschalten.

Ein weiteres Argument für diesen Film: Der Schluss. Roth hat mit seinem letzten Satz, der im Film gesprochen wird, bewiesen, dass es alles nicht in dieser Form ernst gemeint ist, wie man es zwischendrin vielleicht vermutet – wenn man von der ganzen Thematik mal die Schuldfrage weglässt, die sich im übrigen auch nicht thesenhaft, sondern allenfalls meinungsbildend beantworten lässt. Für mich schon wieder ein Grund mehr, diesen Film geil zu finden, denn hier wird vorgeführt, was das Zeug hält und eine Leinwand hält Roth nicht davon ab, seine Show auch innerhalb des Kinosaals weiterzuführen.

Aber zurück zum Schluss: Weil Roth diesen Satz bringt und damit offenbar kundgibt, dass er selbst sehr wohl weiß, was er tut, ist dies für mich ein weiterer Fakt, dass es sich hier nicht um einfache dumme Aneinanderreihung von zufälligen Situationen handelt, die mit etwas Zurückgebliebenheit und manischer Zerstörungswut einzeln auseinandergenommen werden, sondern tatsächlich System hinter der Sache steckt, was von vornherein wohlweislich überlegt ist.

Und nun zeigt mir den Regisseur, der das – im Jahre 2015 – ebenfalls derart brachial auf die Leinwand gebracht und uns alle so vollkommen vorgeführt hat, dass man am Ende über seine eigene Zurückgebliebenheit lachen muss, weil man einsieht, dass der Hass, den man auf den anfangs schlechten Film vielleicht hatte, völlig unbegründet und sogar fast schon frech war.

Aber soweit denkt ja heutzutage keiner mehr. Warum auch, ist ja bald Weihnachten.

 

.kinoticket-Empfehlung: Hier reinzugehen, um eine Geschichte zu erleben, die sich im feuchtfröhlichen Schmuse-Einheitsbrei der altertümlichen Filmgesetze badet, ist gänzlich der falsche Weg.

Für mich ist dieser Streifen ein hammermäßiges Beispiel dafür, wie verkommen und verkorkst unsere Gesellschaft mittlerweile geworden ist, weil man hier etwas eigentlich wahnsinnig gutes vor Augen geführt kriegt und nur ein klein wenig Toleranz hinzufügen muss, um eine Pointe zu erreichen, bei der wir wohl ein paar Jahrzehnte warten müssen, bis sich erneut etwas derart schlagkräftiges den Weg in unsere Hirne bohren kann.

Traurig, dass gleich von Anfang an derart viel Unverständnis und Hass gegenüber einem solchen Geniestreich entgegen gebracht wird. Denn mir hat der Film aufgrund dessen nämlich echt gefallen!

 

Nachspann
Rausgehen und Fresse halten. Nachdenken. Wieder Fresse halten und wieder nachdenken. Und erst drei Tage später drüber sprechen, weil man es spätestens dann erst gemerkt hat, was da eigentlich gerade abgelaufen ist. Aus dem Grund gibt’s in und nach dem Nachspann nämlich auch nichts obendrauf. Dafür reicht der Film allein völlig aus.

Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne

Schaut man den Trailer, erwartet man irgendwas zwischen Kunst, Frauenfilm, Schadenfreude und Tragik. Schaut man den Film, wird man vom Rausch der stilvollen Akzentsetzung schlichtweg dahingerafft.

Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne bildet nicht nur den Rahmen für die angebliche Verspottung einer Frau, die nichts auf dem Kasten zu haben scheint, sondern bebildert ein völlig subtiles Projekt, das seine Vollendung im Schlussakkord förmlich orchestral auf die Leinwand bringt.

Fast pausenlos wird man beschallt von Klängen, die weit ab des radiomäßigen Mainstreams ihr zu Hause haben und sowohl Kunstliebhaber als auch -hasser gleichermaßen irgendwo berühren. Doch die Zurschaustellung beschränkt sich nicht nur auf die Welt der Töne, sondern gipfelt ihre Ausflüchte ebenfalls in die der Formen, Figuren, Fotografie und umspannt somit ein künstlerisches Umfeld einer Größe, die jeden, der nur ansatzweise etwas für die Schönheit des Lebens übrig hat, erreichen dürfte.

So viel Antipathie, wie man anfangs möglicherweise mit den Hauptdarstellern empfinden kann, so huldvoll und bewegend ist der Schluss, an dem eine wunderbar erzählte Geschichte ihr rühmliches Ende findet und einen Film beschließt, der sich von Minute zu Minute stärker in die Seelen der Zuschauer eingebrannt hat.

So etwas ist fast schon zu schade fürs Fernsehen, denn hier würdigt man nicht nur die Kunst, sondern auch Werte wie Menschlichkeit, Rebellion, Durchhaltevermögen, Angst, Hingezogenheit und spricht auch weitere Charakterstärken und -schwächen großer Persönlichkeiten an.

Die seelische Backpfeife für alles Oberflächliche steckt in ihrer ausgewachsenen Montur in diesem Film. Wer den nicht sieht, verpasst ein großes Stück Kinogeschichte, das nicht auf den Werbetafeln der Stadt zu sehen war.

 

.kinoticket-Empfehlung: Nicht nur Musik, sondern auch Formen, Kunst, Farben und Fotografie spielen in diesem Film eine große Hauptrolle.

Die Schauspieler überzeugen auf ganzer Linie, die Geschichte reißt tief in ihren Bann und spricht Empfindungen ganz tief in deiner Seele an.

Was anfänglich noch als schwierig zu empfinden sein möge, mutiert mit zunehmender Zeit zu Mitgefühl, Mitfiebern, Verständnis und Trauer und gipfelt schließlich in einem Schlussakkord, mit dem keiner so richtig hat rechnen wollen.

Großartiges Kino mit einem ruhmreichen Thema, das nicht nur in diesem Segment Spuren hinterlassen dürfte. Reingehen!

 

Nachspann
Darf man sich gerne noch anschauen, denn der Schlussakkord hallt darin noch ein klein wenig nach.

Sinister 2

Was kommt dabei raus, wenn man das Genre „Horror“ mit „FSK 16“ und „mainstreamtaugliches Kino“ mischt? Richtig: Meistens nichts gutes.

Warum mir der Film trotzdem gefallen hat?

Die Charaktere nehmen sich selbst ernst.
Wie oft begegnet man der manifestierten Dummheit, wenn man die Charakterausbildung in diversen Horrorfilmen ein wenig näher betrachtet. Hier macht man da ein klein wenig den Unterschied und setzt weniger auf ironisch-komische Einlagen, sondern vielmehr auf Ernsthaftigkeit und damit auch ein Stück weit Glaubwürdigkeit. Zwar beißt sich dies mit der Insgesamt-Aussage des Films zeitweise ein bisschen, jedoch gehen die Schauspieler in ihren Rollen authentisch auf und überzeugen so mit ihrem Tun.

Der Gruselfaktor stimmt.
Nichts ist schlimmer, als ein Horrorfilm, bei dem man ausschließlich lachen muss oder sich gar langweilt. Wenn die Tiefe der menschlichen Ängste nicht mal ansatzweise angekratzt wird, sondern nur oberflächlich peinlich versucht wird, durch altbekannte Tricks ein klein bisschen Panik zu schüren. Hier wurden jedoch Szenen eingebaut, die bei mir tatsächlich Gänsehaut auf dem Rücken spazieren schickten. Nicht viele, aber immerhin genug, um als Horrorfilm respektiert zu werden. Das Ungreifbare ist stets präsent, wenn klar ist, dass wieder ein wenig mehr ins Dunkel des Unwissens hervorgedrungen werden soll – und Psychoschocks sind sowieso wesentlich wirksamer als jedes noch so liebevoll angerichtete Blutbad im Bilderwald.

Die übliche Schlächterzählung fehlt.
Das systematische Abschlachten der anfangs lieblos eingeführten, oberflächlichen Darsteller fehlt hier gänzlich. Im Gegenteil: Es ist faszinierend, mit welcher Hingabe man sich hier an die Familie annähert und mit ihnen gemeinsam etwas erlebt, von dem anfangs gar nichts klar ist. Auch wenn der Clou der Geschichte eher fragwürdig und teils verstörend bis hin zu lächerlich ist, so hat der Weg in den finalen Abgrund durchaus seine Reize. Man springt zwar auf den Zug der bekannten Horrorfilm-Mache auf, reist aber nicht im Inneren des Waggons mit, sondern ist allenfalls S-Bahn-Surfer des Ganzen.

Der Soundtrack ist eigenwürdig genug, um hervorzustechen.
Es ist selten, dass man einen musikalisch so tief in die Verzerrtheit führen kann, dass selbst Disharmonien in sich vollkommen klingen und auf ihre perfide Art schon wieder eine völlig neue Harmonie ausmachen. Musikalisch betrachtet durchaus ein sehenswertes Stück, das irgendwie funktioniert und auch hier ein klein wenig aus der Masse ausbricht.

 

.kinoticket-Empfehlung: Nicht wirklich was für hartgesottene Fans von gruselnder Unterhaltung mit Sinn und Verstand, durch die Bodenständigkeit und andeutungsweise Andersartigkeit aber dennoch ein sehenswertes Stück, das in verschiedenen Punkten durchaus zu überzeugen weiß.

Die große Überraschung bleibt genauso aus, wie die totale Enttäuschung. Antipathien zu dem Film wurden bei mir keine geweckt und davor warnen würde ich auch zu keinem Zeitpunkt. Wer mal etwas anderes sehen will, darf hier getrost zuschlagen.

 

Nachspann
spart euch das Warten, hier kommt nichts weiter.

Straight Outta Compton

Mit 147 Minuten geht hier ein wahres Kaliber an den Start, dem man sich bereitwillig stellen muss. Erzählt wird die biografische Geschichte der HipHop-Crew „N.W.A.“ und deren teils brutalen Ausflüchte in die provokative Auseinandersetzung mit den alltäglichen Problemen ihres Lebens.

Der Film polarisiert. Wie schon aus anderen musikalischen Werken bekannt, trifft man hier oft nicht nur auf existenzangreifende Problematiken, sondern auch innerhalb des Musik-Business auf Korruption, Hinterhältigkeit und viel undurchsichtige Bürokratie, die so manchem seine Karriere kosten könnte.

Hier sind Szenen zu sehen, bei denen man nicht weiß, ob man das offensichtlich falsche Verhalten nun jetzt doch gutheißen soll oder nicht. Innerliche Genugtuung, Rache, Wut, Streben nach Gerechtigkeit und der Kampf mit den durchaus bekannten Problemen innerhalb der Gesellschaft stellen hier einen Großteil der Thematik dar und sorgen für jede Menge kurzweilige, interessante und beispiellose Einblicke in das Leben dieser Menschen. Ein Film über Musik, der zum ersten Mal nicht wirklich Wert auf die Stücke selbst legt, sondern sich sehr stark am Leben und den ganzen Geschehnissen außerhalb des Musikmachens orientiert und damit einen völlig neuen Baustein in das Puzzle der „Wir sind Musiker, wir machen jetzt auch Film“-Menschen wirft.

Interessant war’s allemal und spannend blieb es bis zum Schluss, auch wenn mir da gern noch ein wenig mehr kinopublizistische Theatralik ins Programm hätte genommen werden können, denn das hier sollte kein Personenportrait, sondern eher eine unterhaltende Spielfilmadaption werden, bei der dann gern auch ein wenig drastischer untermalt werden darf, als es in Wirklichkeit gewesen ist.

 

.kinoticket-Empfehlung: Spannend ist es, zu beobachten, wie Hollywood derzeit Licht ins Dunkel des Musik-Wirr-Warrs bringt und durch immer neue Publikationen verschiedenster Künstler aus verschiedensten Genres immer mehr Informationen an die Oberfläche dringen lässt, die das mysteriöse Dunkel von so manchem gehörten Song aus dem Radio erhellen lässt.

Dass hier mal weniger Wert auf die Musik selbst oder eine einzelne Person gelegt wird, sondern vielmehr das Drumrum im Sumpf von Korruption innerhalb des Musik-Biz gezeigt wird, macht diesen Film zu etwas ganz eigenem, der nicht kopiert und auch dabei sein will, sondern seine eigene Geschichte erzählt und mit dieser auch polarisiert.

Durchaus sehenswerte Kost, sofern man sich mit der Musik anfreunden kann und einfach etwas mehr über die Jungs dahinter wissen möchte.

 

Nachspann
enthält einige interessante Original-Szenen, die man sich gerne anschauen darf.

Love & Mercy

Kommen wir – mit etwas Urlaubspause dazwischen – zur nächsten Sneak Preview. Diesmal geht es wieder um einen Film, dessen Genre derzeit irgendwo aus allen Löchern gekrochen kommt und so alle Sparten abzudecken versucht.

Es geht um Töne. Musik. Empfindungen. Leidenschaft. Zerstörtheit und Zerissenheit.

Anfangs hatte ich tierische Bauchschmerzen dabei, am Schluss saß ich da und wusste, dass dieser Film definitiv den Weg in meine Sammlung finden muss.

Love & Mercy, benannt nach einem Stück von Brian Wilson, erzählt die Geschichte des selben und portraitiert hier einmal mehr die Vergangenheit großartiger Künstler vergangener Epochen. Erzählt wird der Werdegang des Jungen aus längst vergangenen Tagen, die Aufbereitung seines Lebens in filmischer Form, dessen Tragweite weit über die Normalität gebührlicher Biografien hinausragt und neue Maßstäbe zu setzen versucht. Nur dass es sich diesmal eben wirklich um Menschen handelt, die mit Talent gesegnet sind und nicht nur den RTL-DSDS-Abdruck ihrer T-Shirts in die Kamera heben durften.

Allein das Arthaus-Logo am Anfang verschreckte den ein oder anderen Kinosesselbesetzer und ließ so manches aufseufzende Mädchen vorzeitig den Saal verlassen. Ich für meinen Teil empfand es als höchst angenehm, mit den teils inhaltsschweren Stoffen dieser Kunstwerke konfrontiert zu werden und mich durch die doch etwas ungewöhnliche Geschichte des Beach Boys-Mitglieds zu kämpfen.

Elizabeth Banks, die auch hier wieder eine tragende Rolle übernimmt, glänzt einmal mehr und beweist, dass sie eine feine Ader für zärtliche Linien und musikalische Formen besitzt und in Kunst- und Kulturfilmen sicherlich desöfteren als richtige Besetzung gewählt werden wird.

Auch John Cusack als alternder Brian Wilson oder Paul Giamatti als dessen Psychologe Dr. Eugene Landy liefern hervorragende Schauspielarbeit und überzeugen mit hervorragenden Leistungen, die keine Sekunde an deren Authentizität zweifeln lassen.

Was andere Musik-Filme eher hupfdohlerisch und bespringflügelt abliefern wollen, flaniert hier in sanft-ruhigen Bahnen, die die Bühne viel mehr der großartigen Musik bereiten, die The Beach Boys in ihrer Zeit ablieferten. Das Genie Wilson wurde hier mehr als gekonnt in Szene gesetzt und dem Erfindungsgeist und bahnbrechenden Tönen der Truppe sehr viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt als dem ganzen Trara drumrum. Und das tat einfach nur wahnsinnig gut.

Es tat gut, dass man sich Zeit gelassen hat, um die Musik nicht zum Nebenprodukt verkommen zu lassen.

Es tat gut zu sehen, wie Wilson darum kämpft, neue Innovationen aufs Papier und letztendlich in die Herzen der Zuhörerschaft zu bringen, wie er verzweifelt darum ringt, sein inneres Schreien zu vertonen und der Welt mitzuteilen, was er fühlt.

Als jemand, der selbst mit 3 Jahren schon auf den Klavierhocker gekrochen und somit dem Thema Musik nicht unbedingt abgeneigt ist, empfand ich den Film als eine herrliche Hommage an die Kunstform „Musik“ selbst und es war einfach schön zu erleben, wie liebevoll hier mit all den emotionalen Werten umgegangen wird, die selbige vor- und nachher in einem auslösen.

Beeindruckend war auch: Nachdem sich die Reihen gelichtet hatten, blieb der Rest bis zum Schluss sitzen und die obligatorische Filmbewertung fiel sowohl vor als auch nach mir durchweg absolut positiv aus.

Das lässt mich darauf hoffen, dass wir auch in Kinos, die sich eher mit Blockbustern über Wasser halten, in Zukunft wohl hin und wieder mal mit tiefgründigem Arthaus beglückt werden.

Wünschenswert wäre es allemal und ich denke, dass ich nicht der einzige bin, der dies durchaus begrüßen würde.

 

.kinoticket-Empfehlung: Fans von The Beach Boys und Liebhaber guter Musik sollten sich diese Biografie auf keinen Fall entgehen lassen.

Menschen, die gut gemachte Filme im Fernsehen vermissen, sollten ihre Sachen packen und sich diesen Streifen im Kino anschauen. Allein der Klang der Musik ist den Spaziergang in den großen Saal auf jeden Fall Wert.

Im Nachhinein zwar nicht der leichteste Stoff, aber durchaus bewegend, berührend und zutiefst emotional.

 

Nachspann
Sitzenbleiben lohnt sich. Es folgen einige Konzertausschnitte, die den üblichen Textkram am Schluss mit wunderbaren Bildern und Melodien versüßen.