Amy

Ein komisches Gefühl, im Kino wieder für Eintritt zahlen zu müssen. Dies findet bloß bei Sondervorstellungen statt, zu denen man Amy zählen darf.

Die lang herbeigesehnte Dokumentation über das Leben der inzwischen verstorbenen Musikerin sollte man sich schleunigst im Kino anschauen, denn es läuft nur noch heute (17/07/15) und am kommenden Sonntag eine einzige Vorstellung.

Das teilweise zerrüttete Leben von Amy Winehouse haben viele bestimmt spottend über die Medien verfolgt. Ihr großer Erfolg mit Songs, die vielleicht keiner so wirklich verstanden hat und ihr brachialer Absturz in Drogen und Alkoholkonsum, der in einem unrühmlichen Tod endete.

Amy tut auf eine erfrischende und zutiefst berührende Art das, was die Medien damals hätten tun sollen: Die Wahrheit ans Licht bringen. Die Trailer betitelten diese Dokumentation u.a. mit den Worten „So nah ist man ihr bisher noch nie gekommen“ und daran steckt viel Wahres.

Hier handelt es sich nicht um eine Neuverfilmung oder Nachstellung, sondern es werden authentisch Bild- und Videobeiträge gezeigt, die bereits existierten, gemischt mit Off-Sprechern aus ihrem Leben, die die Geschichte quasi erzählen.

An Amy merkt man jederzeit, wie authentisch sie sein wollte. Angefangen von ihren Musikaufnahmen über ihre Art und den nie verblassenden Wunsch, niemals berühmt zu werden. Ihre Musik in den Anfangsjahren war großartig. Man spürt ihr an, dass sie das geschrieben und gesungen hat, was ihr tatsächlich selbst widerfahren ist.

Diese Dokumentation ist eine Offenlegung dessen, was die geldgierige Menschheit aus Künstlern wie Amy macht, indem sie als Person egal wird und es nur noch darum geht, mehr Kohle zu machen. Welche Intrigen gefeiert, wie sie ausgebeutet, gegen ihren Willen entschieden wird und sie letztendlich ausgenommen, ausgeschlachtet und kaputt wieder weggeworfen wird.

Diesmal wurde aus ihrer Sicht erzählt, ihre Gefühle mit eingebunden, ihre Sehnsüchte gezeigt und auch aus ihren falschen Entscheidungen (Drogen) kein Hehl gemacht.

Es ist zu sehen, wie sie der Öffentlichkeit vorgeführt wird und diesen ganzen Rummel nicht erträgt. Sie war eine brillante Musikerin, die niemals den großen Ruhm wollte, sondern lieber in kleinen Räumlichkeiten Jazz singen. Und sie hatte Recht mit dem Gedanken, dass man seine Lieder nur dann singen kann, wenn man gleiches auch fühlt.

Zu sehen, wie die totgespielten Songs von ihr überhaupt nicht mehr zu dem aktuellen Leben passten und ihre Abscheu dagegen zu erleben zeugt für mich davon, dass sie wahrlich verstand, was sie tat.

Es war einfach nur ergreifend, in einem Kinosaal zu sitzen, der sich Zeit für das Leben und die Musik von ihr nimmt, und sie nicht eingepfercht zwischen zwei Werbeblöcken zum Lückenfüller verkommen lässt. Es tat mir tief im Herzen weh, zu sehen, wie Musikgesellschaften, Vermarkter und Industrielle ihre Werke verwursteten, verunstalteten und schlussendlich durch Druck und Überbelastung eine Spähre erzeugten, wo die Kunst in den Hintergrund tritt und es nur noch darum geht, Tourneen zu machen und Kohle dabei zu scheffeln.

Jeder, der ein offenes Auge gehabt hätte, hätte erkannt, dass sie dringend Hilfe benötigte und die dafür passenden Schritte eingeleitet. Von Verantwortung und Menschlichkeit zu ihren „Ruhmzeiten“ keine Spur mehr. Klar obliegt es ihr allein, zu entscheiden, ob sie einen Entzug macht oder nicht, dennoch hätten fremde Kräfte auf sie einwirken müssen, weil man unter bestimmten Voraussetzungen eben nicht mehr klug entscheiden kann.

Für mich auf jeden Fall ein ganz großartiges Werk, dass das viel zu kurze Leben eines Künstlers beleuchtet und durch die tiefen, intimen Einblicke in die Gefühlswelt dieser Frau mal die andere Seite des Ruhms aufzeigt, der die Menschen im Grunde genommen nur kaputt macht. Und den Fall eines Menschen zu zeigen, ohne ihn dafür zu kritisieren oder vorzuführen, ist für mich ganz ganz großes Kino.

 

.kinoticket-Empfehlung: Nutzt die Chance und schaut es euch im erlesenen Kreis von Musikliebhabern im Kino an. Nirgends wirkt ihre Musik so, wie an einem Ort, wo man sich die Zeit und Muße nimmt, sie so zu zeigen, wie sie wirklich war.

Eine Dokumentation, die nicht entschuldigt, nicht beschönigt, nicht verbiegt, sondern eine Künstlerin so zeigt, wie sie war – mit allen Höhen und Tiefen – und mit dazu beiträgt, dass man das „Hinter den Kulissen“ ihres Lebens um ein vielfaches besser versteht.

Großartiges Gefühlskino mit intensiver Hingabe zu Musik, Eleganz und dem steilen Weg in die psychische Zerstörung herbeigeführt durch Geldgier, Raffsucht, Alkohol und Drogen.

 

Nachspann
Anfangs noch mit Videomaterial, später nur noch Tonmaterial, das den ganzen Film über sowieso herausragend ist.