Happy Deathday

Jetzt habt ihr mich: Da heule ich die ganze Zeit der Welt vor, wie schlecht und vorhersehbar und unterhaltungstechnisch langweilig Filme von Blumhouse Productions sind und dann bringt man mal eben Happy Deathday raus und glänzt in allen Punkten mit überraschend positiven Werten.

Wer den .trailer sieht oder etwas länger aufs Filmplakat schaut und dort etwas aufschnappt, der kann sich zwar denken, wohin die Reise gehen soll, dass dann aber der Film im Kino trotzdem nicht langweilig wird, sondern man gespannt und bravourös unterhalten wird, hätte ich in der Zusammensetzung nicht gedacht.

Und das bei einem Wiederholungstäter, wo die Einfallslosigkeit ja quasi schon vorprogrammiert ist. Die Hommage an den Klassiker ist unverkennbar, die Umsetzung auf tödlicher Basis aber umso gelungener – so dass nicht nur bekannte Elemente zu einem neuen Twist zusammengefädelt werden, sondern man auch gleichzeitig noch einen bis dahin selten so charmant erlebten Humor eingewebt hat, der vor Sympathie und Ausstrahlung glänzt und die Figuren nochmal ein wenig näher bringt.

Und da lobe ich mir die Kreativität, das Herzblut und die Hingabe, die man der Hauptdarstellerin angedeihen ließ und mit der man sie in die immergleiche Geschichte schickt, die für den Zuschauer dadurch trotzdem niemals langweilig wird.

Dass auch hier wieder mit ganz normalen Mitteln vom Hauptziel abgelenkt werden will, steht außer Frage – dafür nutzt man aber nicht die langweilige Methode, sondern spendiert ein paar Überraschungen, die echt erfreulich waren und den Film damit zu einem der besten „Horror“-Filme dieses Jahres machen.

 

.kinoticket-Empfehlung: Von allen Filmen, für die Blumhouse Productions in den letzten Jahren verantwortlich gewesen ist, liefert der mit Abstand das überraschendste Ergebnis und verblüfft in jederlei Hinsicht mit einer bislang unbekannten Ernsthaftigkeit und Professionalität.

Der Zuschauer wird nicht mehr durch Vorhersehbarkeit geplagt, sondern erhält die beste Unterhaltung mit erstaunlich wenig Punkten, an die man anecken könnte.

Bravo – weiter so, dann gewinnt ihr mich noch zum Fan!

 

Nachspann
kommt keiner, außer den üblichen Namensnennungen.

Kinostart: 16. November 2017

Live by Night

Die Generationen vor uns hatten Francis Ford Coppola’s Der Pate, dessen unerreichte Genialität und Zeitlosigkeit bis heute unübertroffen ist.

Nicht umsonst stehen bis dato noch hochpreisige Boxen dieser Trilogie in den Ladenregalen und erfreuen sich auch bei der Käuferschaft immer noch großer Beliebtheit.

An diese unerreichte Meisterleistung hat sich seitdem keiner mehr so wirklich rangetraut. Klar hat man auch in Hollywood versucht, Geschichten dieser Art in neuem Gewand zu verkaufen, aber entweder waren diese Unterfangen schon von vornherein zum Scheitern verurteilt oder haben sich während der Spielzeit selbst ihr Grab geschaufelt. Man versuchte zu kopieren, „auch etwas großartiges zu schaffen“ und wenn bei einer solchen Sache nicht alle (auch die unbekannten) Faktoren genauso zusammenkommen, kann das nicht in dem Ausmaß funktionieren, wie es Der Pate vorgemacht hat.

Das zumindest beweist, dass es nur ein echtes Original gibt und alles andere entweder abgekupfert oder schlecht gekonnt wirkt und nie so richtig tief in die Essenz des Films einsteigt. Dabei hat die Thematik, die auch Live by Night aufgreift, so viel Schöpfungskraft und Erzähldichte, dass man hier schier unendliche Storys bereitstellen könnte.

Woran Johnny Depp in Black Mass scheiterte, wo sich Tom Hardy verzweifelt in Legend emporkämpfte, daran erblüht Ben Affleck nun in Live by Night.

Der Film steigt genauso langfristig und solide ein, wie Der Pate, wo es auch erstmal eine geschlagene halbe Stunde dauert, bis man überhaupt in der Sachlage durchsteigt. Man schafft hier genau das gleiche solide Erzählfundament und arbeitet sich bis zum Schluss permanent weiter nach oben.

Salopp gesagt hatte ich größte Schwierigkeiten zu Beginn des Films, ausgehend von den abartig krassen Trailern im Vorfeld, in die Ruhe und Gediegenheit zurückzufinden, die hier konsequent ausgelebt und permanent gesteigert wird. Ist man aber erstmal drin, macht selbst die lange Spielzeit absolut nichts mehr aus, denn Affleck vollbringt das Wunder, in mir den Gedanken hervorzurufen, dass diese Generation nun auch endlich einen eigenen Paten ihr eigen nennen darf.

Der Junge hat ja auch vorher schon mehrmals bewiesen, dass in ihm nicht nur ein schlechter Daredevil sondern ein wahnsinnig guter Regisseur steckt, der durchaus etwas zu sagen hat und dies auch überzeugend auf die Leinwand transportiert bekommt.

So beweist sich im Film oftmals auch die Tatsache, dass er nicht nur an das große Vorbild der ehemaligen Generation X anknüpft, sondern auch dessen Wesenszüge studiert und verstanden hat. Die Liebe zur Familie, der Bezug zum Geschäftlichen, die krassen Gegensätze zwischen Tod und Leben, selbst die Härte der Durchschlagskraft der einzelnen Ziele wurde hier genauso aufgegriffen, wie man es aus Coppola’s Zeiten kennt.

Auch wenn man dem Werk letztendlich den Nachahmereffekt nicht gänzlich absprechen kann, so ist diese Kopie jedoch in meinen Augen sehr gut gelungen und läuft in der zweiten Hälfte des Films dann zur Höchstform auf.

Die floppende Wirkung in den Kinos kann ich mir daher nur durch die durchaus miese PR vorstellen, denn der Trailer macht auch nicht unbedingt Lust auf den Film.

 

.kinoticket-Empfehlung: Freunde des klassischen Kinos kommen mit etwas Vorsprungs-Zeit hier voll auf ihre Kosten.

Mit Live by Night erwächst ein neuer Filmmeilenstein, der den Paten der heutigen Generation darstellt und im Laufe der Spielzeit zu immer höheren Zielen aufläuft und diese herausragend erreicht.

Und nicht nur Story, Hintergründe, Schauspieler und Effekte, sondern auch der Soundtrack zeigt, dass man sich hier im oberen Milieu aufhält.

 

Nachspann
kommt keiner mehr, man darf also aufspringen und raus. Was gibt es eigentlich immer so wichtiges, dass da jeder wie bekloppt rennt?

Barash

Zu Israel hab ich persönlich absolut keine Beziehung. Ganz ehrlich? Alles, was ich darüber weiß, ist, dass da drüben irgendwie immer Krieg zwischen Israelis und Palästinensern ist wegen irgendwelcher Glaubenssachen. Und dass das ein Land ist, dem ich mich als Tourist auch bislang permanent verweigert habe.

Ja, man kann die Geburts- und Todesstätte Jesu‘ Christi bereisen und auch sonst jede Menge kulturelle Hochgüter bewundern, jedoch habe ich als Kind immer von Meldungen erfahren, dass dort Busse in die Luft gesprengt und mal eben mir nichts, dir nichts, die Lebenslichter ausgelöscht werden – und darauf hatte ich nie Bock.

Dementsprechend stand dieses Land niemals auf meiner bevorzugten Liste und ich habe mich ein wenig darauf gefreut, im Rahmen der Queer-Filmnacht meine Kenntnisse über diese Kultur etwas zu erweitern.

Der war dann aber in jederlei Hinsicht eine Enttäuschung. Nicht nur der Plot war in sich irgendwo merkwürdig konstruiert, auch die Zusammenhänge haben meiner Meinung nach nicht richtig funktioniert. Dass der Film gleich mehrere Preise kassiert hat, ist für mich völlig unbegreiflich.

Und dabei spreche ich nicht nur von dem miserablen Schauspiel der Darsteller, die absolut nicht authentisch wirkten und so überzogen aufgesetzt gespielt haben, dass man ihnen diese Rolle nur schwer abkaufte, sondern auch von der miesen Kameraführung und dem unfassbar schlechten Soundtrack, den man sich hier zu eigen machte.

Ganz ehrlich? Die Herausforderung „Machs doch besser“ würde ich in dem Fall gerne annehmen. Selbst mein bester Kumpel meinte nach der Vorstellung zu mir, dass ich das wohl selbst besser gedreht hätte als die Macher dieses Kinoflops.

 

.kinoticket-Empfehlung: Fazit? Mich hat’s nicht überzeugt, absolut nicht abgeholt und auch nicht unterhalten, sondern gelangweilt und technisch genervt.

Kameraführung unter aller Sau, einfach so dahingeplätschert und das dann als „freie Kunst“ zu bezeichnen funktioniert auch mit gutem Zureden bei diesem Film nur schwer. Gottseidank ist daraus kein Kinodauerbrenner geworden, sonst würde ich mir das mit meinem Hobby nochmal gründlich durch den Kopf gehen lassen.

 

Nachspann
gab es auch keinen, hier darf man also schon vor Beendigung des Schlussakkords die Segel streichen.

Manchester by the Sea

So manch einer sagt mir ja nach, dass ich ausschließlich Actionkino bevorzuge, Spiele-Verfilmungen mag und für Arthouse nicht zu haben bin … ähm what?

Mit Manchester by the Sea landen wir direkt im Pool dieser atemberaubenden Filmschönheiten, denen ich sehr wohl etwas abgewinnen kann und die weit weg von Blockbuster, Explosionen, Stupidität und anderem Schwachsinn dahin dümpeln.

Ich persönlich hätte gern viel mehr Arthouse in den Kinos – auch den größeren, die – wie z.B. in Berlin im CinemaxX extra eine „Tiefgarage“ für Kinopublikationen außerhalb der großen Masse eingerichtet haben, in die man sich als leidenschaftlicher Freund solcher Abwegigkeiten gerne verziehen und die Shows genießen kann.

Seit 19. Januar 2017 erfreut nun endlich die offiziellen Zuschauer das Meisterwerk von Regisseur Kenneth Lonergan, das seine Premiere ja bereits im Januar 2016 feierte und somit schon mal hier mal da zu sehen war.

Warum auch immer man so ein grandioses Schauspielstück so lange vor der Öffentlichkeit verbirgt, bleibt mir ein Rätsel. Denn obwohl auch hier die Erzählgeschwindigkeit nicht unbedingt mit rauschendem Tacho an einem vorbeizieht, ergreift einen das Gesehene nach einiger Zeit tief im Herzen.

Nicht nur Casey Affleck legt hier als Hauptdarsteller eine Portion Charme auf den Tisch, dem sich jeder Cineast einfach beugen muss, sondern auch seine bezaubernden Mitspieler stellen einmal mehr einen Könnens-Beweis auf, der ein paar Ligen über dem bekannten Niveau liegt.

In diesem Film legt man der Technik mal gehörig die Zügel an und lässt endlich wieder den Menschen in den Vordergrund, der mit dramaturgischen Höchstleistungen schauspielerische Höhen erklimmt, die aus diesem Stück schon relativ zu Beginn ein anbetungswürdiges Meisterwerk werden lassen, dass sich das „Prädikat besonders wertvoll“ nicht nur verdient hat, sondern quasi daraus zu bestehen scheint.

Und dabei muss noch nicht einmal viel passieren, denn das Ensemble der Gefühle, das man hier anbricht, aufreißt und über den Zuschauer streut, reicht von ganz oben bis ganz unten. Und dabei wird nicht etwa auf billigen Humor oder übertünchendes Trara zurückgegriffen, sondern man flaniert ganz meisterlich in völig andere Dimensionen.

Und trotz der Tatsache, dass Manchester by the Sea ganz klar ein Drama darstellt, hat man als Zuschauer dennoch unglaublich viel Spaß bei der Sache und rennt selbst beim Zuschauen hier und da mal gegen die ein oder andere emotionale Wand.

Gut so, denn genau das erwarte ich von Arthouse-Kino: Stärken, die nicht durch Millionen von Dollar erzielt werden, sondern tatsächliche Film-Kunst auf ganz hohem Niveau.

Dass dieses Werk von der Presse gefeiert wird, steht außer Frage. Und ich hoffe, dass sich das Publikum, das es hoffentlich mega zahlreich geben wird, dieser Freude darüber anschließen wird, denn ich würde mir den Titel sofort wieder ansehen.

 

.kinoticket-Empfehlung: Manchester by the Sea ist ein ruhiges, in tief emotionalen und ausdrucksstarken Bildern erzähltes Drama, in dem die Figuren alles sind.

Trockener Humor, sensible Härte und die Ironie des Lebens werden auf wunderbare Art und Weise eingefangen und wiedergegeben.

Stellenweise fast etwas zu ruhig und langatmig, dafür aber um so ergreifenderes und einprägsames Kino.

 

Nachspann
Der Nachspann entlässt euch genauso bilder- und videoreich wie die imposanten Eindrücke des Films während der Laufzeit sind. Wer also meint, sofort abdackeln zu müssen, der hat meines Erachtens den ganzen Film nicht so recht verstanden.

Office Christmas Party

Bei einer Vor-Nikolaus-Sneak Preview kann eigentlich nur dieser Film auf der Liste stehen und voilà – er wurde es dann auch. Allein der Trailer erweckte ja schon den Aufwind richtung Die Highligen drei Könige und erinnerte einmal mehr an diese Art von Film, die ironischerweise fast alle in New York spielen, mit Jennifer Aniston im Gepäck auflaufen und alle denselben, merkwürdigen Humor in sich tragen.

Mag sein, dass die Klientel für diese Streifen mittlerweile groß genug ist, dass man sich nach Hangover-Manier überall ein paar Sympathisanten abgreift, mich jedoch erreicht diese Form von Ulkigkeit nur bedingt.

Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Er war ganz nett, jedoch jetzt kein Überflieger. Für meine Begriffe zieht sich der Film anfangs tierisch in die Länge, das Zeitlassen beim Vorstellen der Hauptdarsteller war einfach zu ausgeprägt und thematisch bedingt für Außenseiter zu langweilig. Die Spanne, bis man dann endlich zum „Ausrasten“ übergeht, ist deutlich zu lang und enthält zu wenig Pointen, die einen wirklich zum Lachen zwingen, sondern der Humor plätschert so vor sich hin und hat hier und da mal eine größere Blase, die dann tatsächlich komisch wirkt.

So richtig in Fahrt kommt auch keiner, sondern man wird im Saal das Gefühl nicht los, dass hier krampfhaft versucht wird, lustig zu sein ohne dabei tatsächlich den Drive zu spüren, der die Story auch richtig in Fahrt bringt und mit vollen Schüben in die Lachmuskeln der Zuschauer pusht.

Eine Szene gibt es, relativ spät im Film, wo die Erwartungen dann schon in die richtige Richtung tendieren, dessen Höhepunkt aber auch wieder durch die willkürlichen Eingriffe jemandes abgewürgt werden und somit klargestellt wird, dass hier die konstituierte Linie ganz klar nicht verlassen werden soll.

Somit verkommt Office Christmas Party klar zu einem spezifisch-mainstreamorientierten Machwerk, das keinerlei Bedeutung abverlangt und hinterher auch leicht in Vergessenheit gerät, es sei denn, man ist 14 und findet solche Spielereien unterhaltsam. Stichwort: Schulhofhumor.

 

.kinoticket-Empfehlung: Klar erkennbare Massenware für Menschen, die auf der Hangover-Welle mitgeschwommen und diese Erfahrung für gut befunden haben.

Ans Original kommt man dabei bei weitem nicht, verlässt allerdings ganz bewusst auch nicht die Sorte Film, die sich die Macher hier ganz klar auf die Fahne geschrieben haben.

Mein Humor ist es nicht, wer jedoch dem Sex and the City-Charme etwas abgewinnt, der ist mit Office Christmas Party ganz klar auch nicht auf dem falschen Dampfer.

 

Nachspann
darf abgewartet werden, da hier nahtlos noch Outtakes gezeigt werden, die jetzt zwar auch nicht so der Brüller sind, jedoch dem Film noch das gewisse Etwas verleihen. Nach deren Abblende kommt dann tatsächlich nichts weiter mehr.

Mike and Dave need Wedding Dates

Wenn Zac Efron auf den Plakaten steht, hat man als Zuschauer schon fast die Garantie, dass es schräg wird, viel Party existiert und man jede Menge zu sehen und als weiblicher Fan zu schmachten hat.

Der einstige BRAVO-Bubi hat sich zum Body-Idol seiner Fangemeinde entwickelt und trägt in der Neuzeit immer wieder mit den körperlichen Errungenschaften seiner Arbeit dafür auf.

Wer ihn jüngst in Bad Neighbors 2 gesichtet hat, hätte meinen können, seine besten Tage sind gezählt und er rappelt sich jetzt nur noch von einem Film zum nächsten, während das Rampenlicht um ihn herum immer dunkler wird und schlussendlich im Nirgendwo verblasst.

Und genau das stoppt Mike and Dave Need Wedding Dates mit einer Vollbremsung: Hier geht es sprüchemäßig wieder richtig zur Sache und man bewegt sich nunmehr mit Stil unter der Gürtellinie und spricht dadurch auch die etwas erwachsenere Klientel an, da nicht mehr nur stupides Feiern an der Tagesordnung steht.

Und genau das versprüht einen gewissen Charme, der aus einem niedrigniveaulastigen Billigfilm etwas Sehenswertes kredenzt – wenngleich man sich den Film auch nur ein einziges Mal anschauen braucht, denn danach ist wirklich alles gesagt.

Soll heißen: Er ist phänomenal genug, um ihn im Kino zu besuchen, man sollte bei diesem Besuch aber alle Freunde dabei haben, denn das zweite Mal könnte dann langweiliger werden.

Im Sneak-Saal war zumindest mal Gelächter angesagt und das kam diesmal nicht nur von blöden Schnepfen, denen man auch auf der Straße davon gehen würde, sondern wir hatten Spaß bei der Sache, waren uns aber hinterher alle irgendwo einig, dass das ein Einmalding ist.

 

.kinoticket-Empfehlung: Fans von Zac Efron dürfen sich freuen: Der Junge läuft wieder in Höchstform auf und begeistert mit einer neuen Frische seine Fans und Zuschauer.

Die Story drumrum ist diesmal auch gar nicht so bescheuert und man hat durchaus Spaß, auch wenn das kein Film ist, den man unbedingt mehrere Male gesehen haben muss.

 

Nachspann
Auf jeden Fall sitzenbleiben!

Amy

Ein komisches Gefühl, im Kino wieder für Eintritt zahlen zu müssen. Dies findet bloß bei Sondervorstellungen statt, zu denen man Amy zählen darf.

Die lang herbeigesehnte Dokumentation über das Leben der inzwischen verstorbenen Musikerin sollte man sich schleunigst im Kino anschauen, denn es läuft nur noch heute (17/07/15) und am kommenden Sonntag eine einzige Vorstellung.

Das teilweise zerrüttete Leben von Amy Winehouse haben viele bestimmt spottend über die Medien verfolgt. Ihr großer Erfolg mit Songs, die vielleicht keiner so wirklich verstanden hat und ihr brachialer Absturz in Drogen und Alkoholkonsum, der in einem unrühmlichen Tod endete.

Amy tut auf eine erfrischende und zutiefst berührende Art das, was die Medien damals hätten tun sollen: Die Wahrheit ans Licht bringen. Die Trailer betitelten diese Dokumentation u.a. mit den Worten „So nah ist man ihr bisher noch nie gekommen“ und daran steckt viel Wahres.

Hier handelt es sich nicht um eine Neuverfilmung oder Nachstellung, sondern es werden authentisch Bild- und Videobeiträge gezeigt, die bereits existierten, gemischt mit Off-Sprechern aus ihrem Leben, die die Geschichte quasi erzählen.

An Amy merkt man jederzeit, wie authentisch sie sein wollte. Angefangen von ihren Musikaufnahmen über ihre Art und den nie verblassenden Wunsch, niemals berühmt zu werden. Ihre Musik in den Anfangsjahren war großartig. Man spürt ihr an, dass sie das geschrieben und gesungen hat, was ihr tatsächlich selbst widerfahren ist.

Diese Dokumentation ist eine Offenlegung dessen, was die geldgierige Menschheit aus Künstlern wie Amy macht, indem sie als Person egal wird und es nur noch darum geht, mehr Kohle zu machen. Welche Intrigen gefeiert, wie sie ausgebeutet, gegen ihren Willen entschieden wird und sie letztendlich ausgenommen, ausgeschlachtet und kaputt wieder weggeworfen wird.

Diesmal wurde aus ihrer Sicht erzählt, ihre Gefühle mit eingebunden, ihre Sehnsüchte gezeigt und auch aus ihren falschen Entscheidungen (Drogen) kein Hehl gemacht.

Es ist zu sehen, wie sie der Öffentlichkeit vorgeführt wird und diesen ganzen Rummel nicht erträgt. Sie war eine brillante Musikerin, die niemals den großen Ruhm wollte, sondern lieber in kleinen Räumlichkeiten Jazz singen. Und sie hatte Recht mit dem Gedanken, dass man seine Lieder nur dann singen kann, wenn man gleiches auch fühlt.

Zu sehen, wie die totgespielten Songs von ihr überhaupt nicht mehr zu dem aktuellen Leben passten und ihre Abscheu dagegen zu erleben zeugt für mich davon, dass sie wahrlich verstand, was sie tat.

Es war einfach nur ergreifend, in einem Kinosaal zu sitzen, der sich Zeit für das Leben und die Musik von ihr nimmt, und sie nicht eingepfercht zwischen zwei Werbeblöcken zum Lückenfüller verkommen lässt. Es tat mir tief im Herzen weh, zu sehen, wie Musikgesellschaften, Vermarkter und Industrielle ihre Werke verwursteten, verunstalteten und schlussendlich durch Druck und Überbelastung eine Spähre erzeugten, wo die Kunst in den Hintergrund tritt und es nur noch darum geht, Tourneen zu machen und Kohle dabei zu scheffeln.

Jeder, der ein offenes Auge gehabt hätte, hätte erkannt, dass sie dringend Hilfe benötigte und die dafür passenden Schritte eingeleitet. Von Verantwortung und Menschlichkeit zu ihren „Ruhmzeiten“ keine Spur mehr. Klar obliegt es ihr allein, zu entscheiden, ob sie einen Entzug macht oder nicht, dennoch hätten fremde Kräfte auf sie einwirken müssen, weil man unter bestimmten Voraussetzungen eben nicht mehr klug entscheiden kann.

Für mich auf jeden Fall ein ganz großartiges Werk, dass das viel zu kurze Leben eines Künstlers beleuchtet und durch die tiefen, intimen Einblicke in die Gefühlswelt dieser Frau mal die andere Seite des Ruhms aufzeigt, der die Menschen im Grunde genommen nur kaputt macht. Und den Fall eines Menschen zu zeigen, ohne ihn dafür zu kritisieren oder vorzuführen, ist für mich ganz ganz großes Kino.

 

.kinoticket-Empfehlung: Nutzt die Chance und schaut es euch im erlesenen Kreis von Musikliebhabern im Kino an. Nirgends wirkt ihre Musik so, wie an einem Ort, wo man sich die Zeit und Muße nimmt, sie so zu zeigen, wie sie wirklich war.

Eine Dokumentation, die nicht entschuldigt, nicht beschönigt, nicht verbiegt, sondern eine Künstlerin so zeigt, wie sie war – mit allen Höhen und Tiefen – und mit dazu beiträgt, dass man das „Hinter den Kulissen“ ihres Lebens um ein vielfaches besser versteht.

Großartiges Gefühlskino mit intensiver Hingabe zu Musik, Eleganz und dem steilen Weg in die psychische Zerstörung herbeigeführt durch Geldgier, Raffsucht, Alkohol und Drogen.

 

Nachspann
Anfangs noch mit Videomaterial, später nur noch Tonmaterial, das den ganzen Film über sowieso herausragend ist.