Endless Poetry

Endless Poetry klingt erstmal total schön. Versinken in tollen Versen. Eintauchen in die Kunst von Worten und Gefühl, Sinnlichkeit und Emotion. Kunst fühlbar und begreifbar machen. Intellektuell abheben und seinen Geist mit Dingen beflügeln, die einen aus der armseligen Einfachheit des Lebens herausholen und zu etwas Besserem umgestalten.

Dazu das farbenfrohe Plakat, dass schon einen unglaublich guten Vorgeschmack liefern soll, man möchte geradezu eintauchen in die schillernden Farben und Freuden des poetischen Daseins.

Und dann beginnt der Film.

Und provoziert in einem ungekannten Ausmaß, dass sich vielen wohl ganz von selbst die Fußnägel nicht nur hochstellen, sondern eigenmächtig ausreißen. Ja, es ist hart. Und es ist wohl das allererste Mal, dass ich – als bekennender Liebhaber solcher geistiger Ausflüchte – vor einem Film wie diesem „warne“ in Form von: „Nichts für schwache Gemüter“.

Die Darstellungen sind derart plastisch, dass sie einen mit voller Power in den Strudel gedankenfickender Ideen hineintreiben und dabei den Geist zu keinem Zeitpunkt aus der mächtigen Zwangsfesselung entlassen, die Regisseur und Darsteller Alejandro Jodorowsky hier aufbietet.

Viele sehen sein Werk kritisch, fühlen sich nicht ernst genommen oder zu sehr fremdbestimmt in dem, was er den Menschen vorsetzt. Zu kindisch, zu provokativ, zu fern von den Normen des Theaters und der Kunstbühnen… und genau das hat mich an diesem Film unendlich fasziniert.

Diese brutale Wucht, mit der er hier in all die Normen hineinschlägt und jede moralische Zurückhaltung im Keim totschlägt, ist großartig! Ich habe diese Provokation genossen. Man merkt, dass das geistige Niveau entweder vollkommen abgehoben ist, oder auf faszinierende Weise so zerrüttet kaputt, dass es schon wieder ein künstlerisches Meisterstück ist, dass es zu bewundern gilt.

Allein die Einfälle und die durchaus kostspieligen Umsetzungen in diesen Massen und dem darstellerischen Aufwand zu betreiben sorgt bei mir für glänzende Augen. Es ist kein Gedicht, es ist ein Macht-Epos, dass einen mit Kunst erschlägt und die volle Härte und Gewalt auf Anschlag auskostet und zelebriert. Und das in einem Werk, dass sich mit „Poesie“ im Namen krönt und damit eigentlich absolut kindertauglich sein sollte.

Derlei hab ich in meinem Leben noch niemals gesehen, ohne es als absoluten Schwachsinn abzutun. Ohne Witz: Ich saß bereits nach 3 Minuten gebannt da und konnte nicht mehr von dem Streifen lassen. Es ist abartig … geil!

Und diesem Teil nun zu bescheinigen, er wäre über den Tellerrand gestolpert und dabei mächtig auf die Fresse gefallen, halte ich für überzogen. Dafür liefert der Stoff so viel Ansatz-Reichtum, um über verschiedene Dinge des Lebens nachzudenken und provokante und immens wichtige Fragen zu erörtern – nur, dass er dies eben nicht mit Worten, sondern mit Schlägen in die Fresse tut. Und die können in der Tat manchmal heilsam sein.

Auch das kannte man einst und nannte es „Erziehung“, und denjenigen, die da durch gegangen sind, hat es in den wenigsten Fällen tatsächlich geschadet. Man spürt sehr, worunter dieser Typ gelitten hat und dass er nun mit allem aufräumen will. Soll er doch. Deswegen brauch ich in der Presse das Werk nicht schlecht reden. Sondern kann mir stattdessen vielleicht mal Gedanken machen, dass diese Zwangsgeistesverhaftung auch ein künstlerisches Mittel ist, die Dinge dieser Welt zu portraitieren, in denen heute die Menschen gefangen sind: Kaufsucht, Nikotin, zwanghaftes Sich-mitteilen-müssen in sozialen Medien, die panische Angst vor dem Alleinsein, gesellschaftliche Normen und Anstandswerte und dergleichen. Für mich war das Werk eine künstlerische Form dieser Gefangenschaft, nur eben von anderer Seite her.

Es ist eine wahre Fundgrube „poetischen“ Schaffens, in dem es heiß her geht und zu keinem Zeitpunkt die Uhr stehen bleibt. Man bleibt in einem Strudel gewaltbereiter Bilder gefangen, die sich mit Feuer auf Anschlag im Hirn festfressen und einen nicht mehr so schnell los lassen. Sollte sich also jemand direkt ins Kino setzen und dieses Werk in Gänze genießen, muss er sich fast schon zeitgleich den Titel auf die Wunschlisten packen, um ihn zu Hause dann erneut wieder und wieder durchleiern zu können, damit er das volle Ausmaß und die Hintergründigkeit dieser wuchtigen Kunstbrumme auch vollständig ergreift.

Und dass dazu ein gesunder Geist in der Lage ist, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Aber ich habe ja auch niemals behauptet, normal zu sein …

 

.kinoticket-Empfehlung: Dieser Film feuert mit brutalen Waffen auf die Kinder der moralischen Norm und tötet sie, bevor sie geboren werden.

Dieser Hass auf das gesellschaftliche Blabla hat mir vor Erquickung fast die Tränen in die Augen getrieben und mich sofort gefesselt. Es ist großartig, so ein durchtriebenes, gewaltbereites und kunsterhabenes Stück zu sehen, dass selbst seine eigene Gattung nicht vor Mord und Totschlag bewahrt.

Für mich gilt dieser Film als eine Einzigartigkeit, die höchst spannend ist und auf die man sich vielleicht überhaupt nicht einlassen kann, wenn man in einer rosa Heilewelt großgeworden ist. Meinen „kranken“ Geist hat es aber absolut angesprochen und mit einer gewaltigen Vision gegensätzlicher Strudeltiefe erfasst, aus der es kein Entkommen mehr gibt.

Lasst euch vollständig darauf ein, ohne euch zu wehren, haltet die Schläge in die Fresse aus, oder geht am besten gar nicht erst rein. Dann braucht ihr euch auch hinterher nicht drüber beschweren. Für euch ist dieses Werk nicht gemacht worden.

 

Nachspann
❌ Darf entspannt verlassen werden, es folgt nichts weiter.

Kinostart: 19. Juli 2018

Loveless

Loveless ging dieses Jahr sogar in die Nominierungslisten der Academy Awards als Russlands Beitrag für den besten fremdsprachigen Film ein. Den Preis hat er (neben vielen anderen) dann auf den französischen Oscars (César) auch bekommen. Na gut, irgendwas mit Liebe verkauft sich auf der Leinwand ja immer. Meint man.

Der Titel hat aber nichts mit Liebe zu tun, sondern heißt wörtlich übersetzt „Lieblos“ bzw. aus dem Russischen „Nichtliebe“. Mir persönlich ist noch niemals ein Film begegnet, der so leer war, was Liebe betrifft: Der Titel trifft vollkommen ins Schwarze.

Depression, Trauer, Hass, Wut, Angst, Entzweiung, Zwiespalt, Gleichgültigkeit, Enttäuschung, Ärger, was immer man für negative Assoziationen in der Gefühlswelt findet, dieser Film macht sich über sie her und zerpflückt sie in seine metaphorischen Einzelteile: Willkommen in einer Studie über Beziehungen und deren Auswirkung auf die Familie.

Die Konsequenz, mit der man hier die Abschlachtung jedweder Positivität vollzieht, ist erschreckend boshaft und öffnet die Tür für eine grandiose Hölle, die ich so ausgeprägt und durchexerziert noch niemals auf der Leinwand erlebt habe: Vielleicht macht das diesen Film zu einem preisverdächtigen Stück.

Großartig sind sehr wohl die technischen Einstellungen, die unrühmlichen Bilder eines trostlosen Winters, das stille Schweigen und die Abwesenheit jeden Lebens, der stille Schrei zum Himmel und was alles dahinter verborgen ist – das Setting ist in der Tat bewundernswert und kracht alles bisher dagewesene im Zuschauer zu Boden. Man schafft es, eine Welt zu vermitteln, die unerträglich ist – und vielleicht findet der ein oder andere seine Freude daran, in einer derartig ausgeprägten Depression zu versinken.

 

.kinoticket-Empfehlung: Hier von „Spaß“ oder „Unterhaltung“ zu sprechen, wäre absurd: Loveless ist der Inbegriff von filmisch gelungener Depression und der Abwesenheit all dessen, was das Leben zu einem solchen macht.

Das Schauen dieses Titel gilt als Herausforderung – wer keinen guten Tag hatte, sollte diese Vorstellung tunlichst vermeiden. Alle anderen gehen definitiv betrübt wieder aus den Sälen hinaus.

 

Nachspann
Wer die Erlösung bis jetzt nicht gefunden hat, findet sie hier auch nicht mehr.

Kinostart: 15. März 2018

La La Land

Es ist wieder kurz vor Februar. Die Zeit, in der sich Hollywood selbst huldigt, wird eingeleitet – wir alle stehen kurz vor den 89. Academy Awards und schon im Vorfeld dessen hat La La Land Rekorde gebrochen: 14 Nominierungen, u.a. in den besten Kategorien.

Das haben bisher nur zwei Filme überhaupt geschafft. Einer davon war Titanic. Auch bei den Golden Globes hat dieser Film schon rühmlich abgegriffen und wenn man die einschlägigen Magazine und Presseberichte aufschlägt, wüstet einem ausschließlich Positives entgegen: Man überschlägt sich mit Lob, huldigt diesem Streifen in allerbesten Tönen und lässt die Zuschauerschaft glauben, dass man da unbedingt rein rennen muss.

Rein gehen auch welche. Vorwiegend diejenigen mit grauen Haaren.

Und soll ich euch was sagen, Leute?

Wenn schon im Vorfeld eines Films so viel Hype geschoben wird, dann bin ich erst recht skeptisch. Mir haben sogar direkt Presseleute zugetragen, dass sie aufgrund des Trailers nicht reingegangen wären, und nachdem sie den Film in der Pressevorführung gesehen haben, unbedingt nochmal rein wollen.

Das schreit geradezu nach Skepsis. Dementsprechend arglistig waren meine Erwartungen, als ich in den Saal rein bin und die Vorstellung vor mir hatte.

Tja.

La La Land … huldigt den Kinoanfängen und erweckt den Broadway zum Leben. Hier wird nicht nur viel besser als bei Disney zum Träumen aufgerufen, sondern eine Show geliefert, bei der die Tränen ehrlich gesagt nur so fließen.

Ich saß noch nie in einem Titel und hab tatsächlich so derb mit den Flüssigkeiten in der Fresse kämpfen müssen, nicht mal bei Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Und das soll was heißen.

Die pure Liebe, die man hier in Dramaturgie, Filmkunst, Musik, Bewegung, Farben, Design, Zeitalter und alles andere gelegt hat, reißt einen nicht nur vom Stuhl, sondern schleudert einen permanent seelisch durchs Kino und lässt einen immer wieder positiv auflaufen.

Nicht nur der Plot, sondern die ganze Musik, die Show, das Entertainment in seiner höchsten Ehre würdigt hier die Anfänge und eine Zeit, in der Kino noch etwas besonderes war. Dagegen stinkt sogar Hail, Caesar! erbärmlich ab. Und diesen Film hab ich für genau diese Tatsache absolut gemocht!

Ich hab kaum noch was gesehen, als es gegen Ende des Films zuging und der Abspann lief. Mein erster Gedanke war: Oh Gott, nein, warum jetzt schon? Warum ist das schon vorbei?

Wenn die Academy Awards auch so auffahren, na dann haltet euch mächtig fest. Denn der Film passt nicht nur wieder mal extrem in diese Zeit, sondern schlägt als waschechte Arthaus-Publikation auch tatsächlich mal wieder Messlatten in die Öffentlichkeit, die zukünftige Filme nun im nächsten Jahr vergeblich zu erklimmen versuchen werden. Das Niveau – der Stil – die Eleganz – der Anmut – die Liebe – die pure Kunst … das ist alles nicht wirklich zu toppen.

Und wisst ihr was? Den Oscar® für den besten Film aller Zeiten hat sich La La Land in meinen Augen schon jetzt verdient!

 

.kinoticket-Empfehlung: Es ist ein Arthaus.

Und jetzt geht gefälligst da rein, aber zackig! 14 Nominierungen bei den Oscars®, davon in der Kategorie „Bester Film“ und das zu recht! Muss ich mehr sagen?

Rein!! Bevor ihr euch während der Verleihung spoilern lassen müsst.

Und auch ohne dass ihr sie schaut – der Film ist die absolute Pflicht!

 

Nachspann
Als jemand, der den Film würdigt, bleibt man sowieso beim Abspann sitzen. Bei mir ist mal niemand aufgestanden und frühzeitig raus, auch wenn keine Bilder mehr kommen.

P.S.
* Bester Film
* Beste Regie
* Bester Hauptdarsteller
* Beste Hauptdarstellerin
* Bestes Originaldrehbuch
* Bester Song (2x)
* Beste Filmmusik
* Beste Kamera
* Bestes Szenenbild
* Bestes Kostümdesign
* Bester Ton
* Bester Schnitt
* Bester Tonschnitt

Dazu hat er in der Filmpreissaison 2016/17 bereits über 120 Preise abgegriffen und ist für weitere 180 nominiert. Bei den Golden Globes hat er erstmalig in der Geschichte überhaupt in allen 7 Kategorien Preise abgegriffen und somit einen Weltrekord aufgestellt.
(Quelle: Wikipedia)

Noch Fragen?

The Accountant

Ben Affleck galt in Hollywood schon immer als der kleine Außenseiter, den man mal im Daredevil-Flop gesehen hat, der sich dann mit Argo das Vertrauen zurückregisseurt hat und schlussendlich als Batman eine wahnsinnig gute Figur abgibt.

Die düsteren Rollen abseits des Kitschfigurromans stehen ihm ausgesprochen gut. Das beweist auch The Accountant, dessen Trailer durchaus einen teils merkwürdigen Geschmack hinterließ, zumal hier nicht irgendwelche Plattitüden aufs Tablett kommen und man sich als Angefixter durchaus die Frage stellt, ob dieser Streifen wirklich lohnenswert ist oder man ihn geflissentlich übergehen kann.

Man kann nicht. Man sollte nicht. Zumindest Menschen, denen film noir Spaß macht und die sich an ausgeklügelten Plots ergötzen wollen, finden hier nicht nur eine Fundgrube außerordentlicher Arbeit, sondern bekommen zudem reichlich Vergnügen, eine gute Portion schwarzen Humor und eine verzweigte Story, die mehr wie unterhält.

Die Themen des Hauptdarsteller reißen zudem auch noch ein viel größeres Band an ernstzunehmenden Situationen an, was hier nicht nur entertainend wirkt, sondern gleichwohl für viele Unwissende eine Lehre sein kann, die dazu im Stande sind, über die arglistigen, bitterbösen Kommentare hinwegzusehen und zwischen den Zeilen die Ernsthaftigkeit dieser Situationen zu begreifen.

Man möchte fast meinen, dass hier auf martialische Art eine Form von Lehrbuch dafür geschaffen wurde, was natürlich absolut nichts von der Bühne der Unterhaltung abschöpft und Nicht-Interessierten den Film in irgendeiner Weise nicht mehr schmackhaft machen würde.

Die beeindruckende Schwere lastet auch nach dem Abspann noch schwer auf einem und man hat durchaus Stoff, um die Verarbeitungsmaschinerie noch eine Weile zu beschäftigen. Der galant-kunstvolle Kinoabend dürfte nach diesem Film aber definitiv als gelungen markiert sein.

 
 

.kinoticket-Empfehlung: Man sollte sich schleunigst auf den Weg machen und zu denjenigen zählen, die den Vorteil eines düsteren Kinosaals ausgenutzt haben, denn nur hier kommt die Atmosphäre so richtig extrem zur Geltung.

Die Bewertungen der Presse dürften anderenorts vielleicht sogar schon negativer ausfallen, denn die Brachialgewalt, mit der man hier an den Zuschauer ranpirscht, sucht seinesgleichen und benötigt die dafür geschaffene Umgebung.

Also rein ins Kino und hinterher mitdiskutieren können. Anspruch, Kurzweil, Unterhaltung und jede Menge Szenen zum Lachen sind garantiert.

 

Nachspann
nicht abwarten, hier kommt nichts spannendes mehr.

Das Tagebuch der Anne Frank

Es hat sich in den letzten Wochen schon fast als Volkssport herauskristallisiert, darauf zu wetten, dass ich den Kinosaal wieder mal betrete, wenn gerade der Anne Frank-Trailer läuft. Der regte in mir nämlich alles andere als positive Emotionen und lies mich mit Schauer darauf warten, dass dieser Titel endlich in den Kinos anläuft und ich ihn – ausschließlich für dieses Blog hier – schauen kann.

Meine Erwartungen waren mehr als niedrig, denn der Trailer suggeriert bereits das in Mitleid ertrinkende Triefen sensibler Gefühle eines Mädchens, das soooooo viel in der Welt veränderte und dessen Stoff wir alle endlich auf der Leinwand sehen müssen. Ironie off.

Gerade das deutsche Kino hat es nämlich immer wieder verpatzt, wenn es um funktionierende Darstellungen mit einer Moral ging, die am Schluss tatsächlich das Herz und nicht das Schul-Geschichtsunterrichts-Gen ansprechen sollten.

Und die Sprechweise und vor allem der Cast deutete nicht darauf hin, dass jetzt alles anders werden würde.

Mittlerweile haben wir 2016. Viele Jahre sind vergangen, es wurde viel gelitten, viel erzählt, viel gebüßt und viel versucht, wiedergutzumachen. Man ist gewachsen. Erstarkt. Informiert. Wurde in irgendeiner (oder mehrfacher) Weise mit diesen Themen konfrontiert und dazu ermahnt, sich endlich anders zu verhalten.

Wie gut das klappt, sieht man derzeit an den herumlaufenden Beispielen auf der Straße, die sich erneut eine Volksgruppe auserkoren haben, um gegen sie zu demonstrieren und damit wieder das Rasse-Gedankengut in die Köpfe zu säen. Herzlichen Glückwunsch, Welt, du hast wieder einmal … versagt.

Und mittendrin startet nun ein Film in den deutschen Kinos, der sich die Tagebücher der Anne Frank vornimmt und daraus unterhaltsamen Stoff zu machen versucht.

Versucht … und nicht schafft. Zugegeben, es ist schwierig, zwei Stunden mit Erzählungen zu füllen, die sich mehr oder weniger in einem kleinen Kabuff abspielen, über das es recht wenig zu berichten gibt. Dazu ist der Stoff selbst viel zu schwierig und viel zu unterhaltungsarm, als dass man diesen präzise auf die Leinwand bringen und die Zuschauer damit begeistern könnte.

Was mich allerdings viel mehr gestört hat, war die offensichtliche Zurkenntnisnahme der äußeren Umstände, die hier weder kritisiert, noch erklärt oder in irgendeiner anderen Weise angegangen werden. Es ist nunmal einfach so, finde dich damit ab. Ja, was eigentlich?

Sowohl ein Intro als auch hier und da ein paar Gründe für das Verhalten fehlen. Damit entzieht sich das Machwerk gleichermaßen auch gleich noch der überaus wichtigen Aufgabe, an die Vernunft zu appellieren und seine Medienwirksamkeit auszunutzen, die dieser Titel definitiv trägt.

Man schleicht sich einfach aus dem Leben davon und verbringt nun etwas Zeit damit, unzufrieden zu sein und hier und da ein paar mehr oder weniger glaubwürdige Dinge durchzuexerzieren. Oder um es anders zu formulieren: Man verhält sich schlichtweg einfach zu konservativ.

Klar, die Jugend kriegt man mit so einem Thema wohl kaum dazu, ein Kino aufzusuchen und das .kinoticket auch noch aus eigener Tasche zu zahlen, dementsprechend hoch war auch der Altersdurchschnitt in meinem Saal. Allerdings versucht man auch gar nicht erst, die Sache irgendwo spannend zu gestalten, so dass sich sowohl Bilder als auch die Message tief ins Hirn festsetzen und selbst Wochen später immer noch nachwirken, sondern man befriedigt (oder beleidigt?) halt diejenigen, die das mehr oder weniger noch live miterlebt haben könnten.

Hätte man mir die Aufgabe gegeben, wäre ich wohl etwas abgedrehter an die Sache rangegangen. Wäre mehr auf Emotion, mehr auf Gefühl. Mehr auf die psychische Bedrückung gegangen. Hätte andere Stilmittel eingesetzt, mehr auf Rückblenden oder geistige Flashs gesetzt statt mich dieser monotonen Langweiligkeit zugunsten konservativer Berichterstattung zu unterwerfen.

Denn genau die machen das Werk in meinen Augen eher kaputt, als hier wieder ein leuchtendes Beispiel am Filmhimmel zu setzen, dem sich jüngere Zuschauer zuwenden und daraus lernen könnten.

So holt man diejenigen vor den weißen Schirm, die diese Erzählungen selbst in- und auswendig kennen und liefert ihnen nichts neues. Dass man die Monotonie nun auch positiv interpretieren könnte, um daraus das erdrückende Alltagsleben der Kleinen zu resultieren, ist mir auch klar, allerdings wirkt das ganz und gar nicht so, sondern lässt eher auf mangelnde Begeisterung beim Filmen zurückschließen.

Ich glaube kaum, dass es hier an Geldern oder Potenzial gemangelt haben könnte, um die Umsetzung nicht etwas anspruchsvoller zu gestalten. Da sind bereits andere Titel auf dem Markt, die meines Erachtens viel eindrücklicher zur Geltung bringen, was man aus Geschichten wie diesen lernen muss: Der Junge mit dem gestreiften Pyjama oder Die Schüler der Madame Anne – um nur zwei Beispiele zu nennen.

Ist das Filmbusiness derart verkalkt, dass sich wirklich keiner mehr traut, ernste Themen anschaulich aufarbeiten zu wollen ohne dabei dem grautristen Matsch der verkrusteten Nazi-Berichterstattung zu verfallen, die uns allnächtlich in den Dokumentationskanälen quält?

Schlussendlich war nämlich der eingangs kritisierte Cast tatsächlich das gelungenste, das ich diesem Streifen zusprechen muss. Die Mutter, die in Das Leben der Anderen schon herausragend die Rolle der Christa Maria Sieland gespielt hat, leistet hier wieder so derart galante Gesichtsmimik, dass einem vor Glück fast schlecht davon wird. Leider wird ihrer Person zu wenig Platz zugestanden, als dass man sich eingehender mit ihrem Charakter hätte befassen können.

Ich hätte mir gewünscht, dass dieser Titel wirklich so eindrücklich, ernst und erschütternd von der Leinwand poltert, wie es uns die Presse das vorgebetet hat. Quasi ein neues Maß der Dinge ansetzt, an dem sich zukünftige Filme orientieren.

Das Ergebnis war eine herbe Enttäuschung, die ich so nicht weiterempfehlen kann. Dann greift lieber zu den anderen beiden genannten Filmen und zieht daraus eure Konsequenzen. Damit wäre der Filmabend dann wenigstens gerettet.

 

.kinoticket-Empfehlung: Zu konservativ, zu vorsichtig, zu bieder und unspannend: Die Macher halten lieber die Füße still, als etwas zu riskieren und damit die Menschen wieder wachzurütteln.

Klar ist der Filmstoff schwierig, um daraus ansprechende Unterhaltung zu kreieren, jedoch hätte man andere Stilmittel der Verfilmung einsetzen müssen, um hier wieder etwas zu erschaffen, dass sich in den Köpfen festbeißt und dennoch eine Art Moral rüberbringt, auch wenn diesbezüglich keiner mehr moralisiert werden möchte.

Dass das Thema noch lange nicht ausgesessen ist, zeigen die aktuellen, politischen Geschehnisse mehr als deutlich, jedoch trägt der Film meines Erachtens zu keiner positiven Wendung bei, sondern schürt eher noch mehr den Unmut, sich damit zu befassen. Und damit hat man eine wichtige Aufgabe verpatzt und wertvolle Zuschauer an andere Titel verloren.

 

Nachspann
wird musikalisch endlich aufgewertet, denn selbst beim Soundtrack hat man sich den ganzen Film über an einer konstanten Linie des Verzichts geübt und auf striken Minimalismus gesetzt. Weiterführende Szenen oder gar Teaser folgen aber keine.

Spotlight

Was war es für eine Highlight-Auswahl an Filmen, die dieses Jahr in der Nominierten-Liste der Oscar-Anwärter landeten und welchen Sturm der Entrüstung löste der Umstand aus, dass keine farbigen Darsteller nominiert wurden.

Bei all dem Ärgernis über diese fehlende political correctness ist den Wutbürgern wohl entgangen, dass die Presidentin der Academy selbst eine Farbige ist und ebensoviele Farbige im Jurorenstuhl sitzen. Ein Umstand, den man bei der Gleichstellungswutäußerung gerne mal galant unter den Tisch kehrt.

Und dabei scheinen die ach so wissenden Zuschauer der größten und würdevollsten Verleihung eine Tatsache auch gerne zu vergessen: Die Academy Awards sind nicht dafür da, um das verquere Weltbild unserer zerrütteten Gesellschaft widerzuspiegeln, sondern hier werden Leistungen honoriert, die hohe Qualitätsanforderungen bestanden und sich gegen viele Mitbewerber erfolgreich durchgesetzt haben. Bewertet von Personen ihres Fachs, also Leuten, die sich in dem jeweiligen Arbeitsgebiet sehr wohl auskennen und genau wissen, was sie zu bewerten haben.

Und da 2015 nunmal ein Jahr war, in dem keine wirkliche Wucht auf die Leinwand kam, in der diese Bevölkerungsgruppe großartig gewesen ist, können hier logischerweise auch keine Nominierungen oder gar Auszeichnungen ausgesprochen werden – und das finde ich gut so. Nicht, weil ich etwas gegen anders aussehende Menschen habe, sondern weil hier etwas Großartiges ausgezeichnet werden soll und nicht krampfhaft versucht, möglichst eine Balance zwischen allen herzustellen. Hier wird nicht der Stand, das Aussehen oder die Herkunft bewertet, sondern das Erschaffene. Der Präsidentin der Academy hätte man also aufmerksam zuhören müssen, als sie die Bühne betreten und dazu ein paar Worte verloren hat. Am besten im Original, um falsche Übersetzungen zu vermeiden.

Tut aber fast keiner, beschweren kann man sich ja auch so.

Meines Erachtens wurde in dieser Nacht genau den richtigen Filmen die Auszeichnung verliehen. In den niedrigen Kategorien exakt die richtigen Filme, in den großen Kategorien auch. Über meinen Lieblingsstreifen wird jetzt sowieso gesprochen und ich finde es mehr als bezeichnend, dass diese geschichtlich-stupide Action-Ballade derart viel Aufmerksamkeit erreicht und sogar mehr Auszeichnungen tatsächlich bekommen hat, als der weltweit dritterfolgreichste Film überhaupt Nominierungen einsacken konnte: Star Wars – Das Erwachen der Macht.

Und sind wir mal ehrlich: das technischen Schaffen war bei Mad Max: Fury Road auch wesentlich rühmlicher als in der hochdotierten Star Wars-Saga, bei der ich gelinde gesagt mega enttäuscht gewesen bin.

Und umso weniger erstaunlich war es für mich, als es zum finalen Paukenschlag genau den Film getroffen hat, der die Aufmerksamkeit von 80 Millionen Zuschauern braucht, um gesehen und weltweit gehört zu werden: Spotlight. An dieser Stelle hat die Academy in meinen Augen also auch wieder alles richtig gemacht, denn dieser Film hat geschichtlich bedeutsame Relevanz und muss von einem breiten Publikum gesehen werden, um nicht in den Senken der übersättigten Medienberichterstattung unterzugehen. Dieses Versinken fand nämlich vor der Verleihung mehr oder weniger dadurch statt, dass er a) spät in den Kinos anlief und b) selten irgendwo auf den Titelseiten kommuniziert wurde, was relativ wenig Publikum in die Säle lockt. Und genau da gehört es hin.

Schaut euch an, in welcher Welt ihr lebt. Schaut euch an, wie es hinter den Kulissen aussieht. Prüft, ob euer Glaube an das System tatsächlich Bestand hat oder ihr auch nur einer weiteren, riesigen Lüge aufgesessen seid. Macht aus den kalten, stoisch vorgetragenen Nachrichten fühlbare, erlebbare Emotionen und versetzt euch in die Lage der tausenden Menschen, die von diesen Geschehnissen direkt betroffen sind. Ist es wichtig, darüber informiert zu sein? Ist es wichtig, eine großangelegte Plattform zu schaffen, die Leidtragenden die Möglichkeit bietet, mit derartigen Konfrontationen umgehen zu können und zu wissen, dass sie damit an die Öffentlichkeit treten können, um andere vor eben diesen Schäden zu bewahren?

Ja. Ja, Ja, und nochmals Ja.

Und dabei leistet dieser Film nicht nur hervorragende Arbeit, sondern beschert Verletzten die Form von innerlicher Genugtuung, während man dabei zusehen kann, wie wildfremde Starqualitäten vor einem für Gerechtigkeit kämpfen und die Dinge publik machen.

Es tut gut, dass es eben doch interessiert und nicht nur als verkaufsförderndes Publikationsprodukt missbraucht wird. Und am Ende des Films sitzt man in Schockstarre mit offenem Mund da und realisiert, welches Ausmaß die ganze Geschichte hatte. Dabei werden Zahlen auf einmal knallharte Ohrfeigen ins Gesicht und repräsentieren ein System, das dringend revolutioniert gehört – was bis heute aber nicht geschehen ist.

Also kauft euch ein .kinoticket, rafft eure geistige Willenskraft zusammen und hockt euch in diesen Film – jetzt, wo auch die Academy ihren Segen zu diesem fantastisch aufrüttelnden Werk gegeben hat, erst recht: Er ist es wert. Für jede einzelne Seele, die daran in der Vergangenheit zerbrochen ist, gerade zerbricht oder in Zukunft zerbrechen wird.

Macht diesem Wahnsinn endlich ein Ende!

 

.kinoticket-Empfehlung: Auf der Oscarverleihung zu recht für den besten Film ausgezeichnet.

Macht euch die Mühe, besucht dieses Werk und richtet eure inneren Antennen bezüglich dieses Vereins komplett neu aus. Begreift, was hier stattgefunden hat und schaut, ob es in euren Gegenden genauso zugeht. Ihr schützt nicht nur euch selbst vor intelligent aufgetischten Lügen, sondern bewahrt die heranwachsende Generation vor Schäden, die irreparabel sind.

Pro Gerechtigkeit. Denn die bringt der Film nicht nur sagenhaft plastisch auf der Leinwand rüber, sondern sorgt mit seiner neu gewonnenen Auszeichnung jetzt zusätzlich hoffentlich nochmals für einen irren Zustrom an Zuschauern, um diese Sache niemals vergessen zu lassen.

 

Nachspann
kommt keiner mehr, allerdings sollte man zum Ende des Films sehr aufmerksam hinschauen und verstehen, dass jede einzelne Zeile hier ein komplett weiterer Film dieses Kalibers ist. Versteht das Ausmaß dieser Katastrophe und horcht auf, was euch hier gezeigt wird.

Amy

Ein komisches Gefühl, im Kino wieder für Eintritt zahlen zu müssen. Dies findet bloß bei Sondervorstellungen statt, zu denen man Amy zählen darf.

Die lang herbeigesehnte Dokumentation über das Leben der inzwischen verstorbenen Musikerin sollte man sich schleunigst im Kino anschauen, denn es läuft nur noch heute (17/07/15) und am kommenden Sonntag eine einzige Vorstellung.

Das teilweise zerrüttete Leben von Amy Winehouse haben viele bestimmt spottend über die Medien verfolgt. Ihr großer Erfolg mit Songs, die vielleicht keiner so wirklich verstanden hat und ihr brachialer Absturz in Drogen und Alkoholkonsum, der in einem unrühmlichen Tod endete.

Amy tut auf eine erfrischende und zutiefst berührende Art das, was die Medien damals hätten tun sollen: Die Wahrheit ans Licht bringen. Die Trailer betitelten diese Dokumentation u.a. mit den Worten „So nah ist man ihr bisher noch nie gekommen“ und daran steckt viel Wahres.

Hier handelt es sich nicht um eine Neuverfilmung oder Nachstellung, sondern es werden authentisch Bild- und Videobeiträge gezeigt, die bereits existierten, gemischt mit Off-Sprechern aus ihrem Leben, die die Geschichte quasi erzählen.

An Amy merkt man jederzeit, wie authentisch sie sein wollte. Angefangen von ihren Musikaufnahmen über ihre Art und den nie verblassenden Wunsch, niemals berühmt zu werden. Ihre Musik in den Anfangsjahren war großartig. Man spürt ihr an, dass sie das geschrieben und gesungen hat, was ihr tatsächlich selbst widerfahren ist.

Diese Dokumentation ist eine Offenlegung dessen, was die geldgierige Menschheit aus Künstlern wie Amy macht, indem sie als Person egal wird und es nur noch darum geht, mehr Kohle zu machen. Welche Intrigen gefeiert, wie sie ausgebeutet, gegen ihren Willen entschieden wird und sie letztendlich ausgenommen, ausgeschlachtet und kaputt wieder weggeworfen wird.

Diesmal wurde aus ihrer Sicht erzählt, ihre Gefühle mit eingebunden, ihre Sehnsüchte gezeigt und auch aus ihren falschen Entscheidungen (Drogen) kein Hehl gemacht.

Es ist zu sehen, wie sie der Öffentlichkeit vorgeführt wird und diesen ganzen Rummel nicht erträgt. Sie war eine brillante Musikerin, die niemals den großen Ruhm wollte, sondern lieber in kleinen Räumlichkeiten Jazz singen. Und sie hatte Recht mit dem Gedanken, dass man seine Lieder nur dann singen kann, wenn man gleiches auch fühlt.

Zu sehen, wie die totgespielten Songs von ihr überhaupt nicht mehr zu dem aktuellen Leben passten und ihre Abscheu dagegen zu erleben zeugt für mich davon, dass sie wahrlich verstand, was sie tat.

Es war einfach nur ergreifend, in einem Kinosaal zu sitzen, der sich Zeit für das Leben und die Musik von ihr nimmt, und sie nicht eingepfercht zwischen zwei Werbeblöcken zum Lückenfüller verkommen lässt. Es tat mir tief im Herzen weh, zu sehen, wie Musikgesellschaften, Vermarkter und Industrielle ihre Werke verwursteten, verunstalteten und schlussendlich durch Druck und Überbelastung eine Spähre erzeugten, wo die Kunst in den Hintergrund tritt und es nur noch darum geht, Tourneen zu machen und Kohle dabei zu scheffeln.

Jeder, der ein offenes Auge gehabt hätte, hätte erkannt, dass sie dringend Hilfe benötigte und die dafür passenden Schritte eingeleitet. Von Verantwortung und Menschlichkeit zu ihren „Ruhmzeiten“ keine Spur mehr. Klar obliegt es ihr allein, zu entscheiden, ob sie einen Entzug macht oder nicht, dennoch hätten fremde Kräfte auf sie einwirken müssen, weil man unter bestimmten Voraussetzungen eben nicht mehr klug entscheiden kann.

Für mich auf jeden Fall ein ganz großartiges Werk, dass das viel zu kurze Leben eines Künstlers beleuchtet und durch die tiefen, intimen Einblicke in die Gefühlswelt dieser Frau mal die andere Seite des Ruhms aufzeigt, der die Menschen im Grunde genommen nur kaputt macht. Und den Fall eines Menschen zu zeigen, ohne ihn dafür zu kritisieren oder vorzuführen, ist für mich ganz ganz großes Kino.

 

.kinoticket-Empfehlung: Nutzt die Chance und schaut es euch im erlesenen Kreis von Musikliebhabern im Kino an. Nirgends wirkt ihre Musik so, wie an einem Ort, wo man sich die Zeit und Muße nimmt, sie so zu zeigen, wie sie wirklich war.

Eine Dokumentation, die nicht entschuldigt, nicht beschönigt, nicht verbiegt, sondern eine Künstlerin so zeigt, wie sie war – mit allen Höhen und Tiefen – und mit dazu beiträgt, dass man das „Hinter den Kulissen“ ihres Lebens um ein vielfaches besser versteht.

Großartiges Gefühlskino mit intensiver Hingabe zu Musik, Eleganz und dem steilen Weg in die psychische Zerstörung herbeigeführt durch Geldgier, Raffsucht, Alkohol und Drogen.

 

Nachspann
Anfangs noch mit Videomaterial, später nur noch Tonmaterial, das den ganzen Film über sowieso herausragend ist.