Loro – Die Verführten


© 2018 DCM Film Distribution GmbH

 

Loro werden die Italiener als Loro 1 und Loro 2 kennen, denn dieses Stück wurde in Italien in zwei Akten konzipiert und am 24. April 2018 sowie am 10. Mai 2018 uraufgeführt. Die Längen betrugen jeweils 100 und 104 Minuten (also sagenhafte 3 Stunden 24 Minuten), welches für den internationalen Vertrieb von Paolo Sorrentino auf einen um etwa 60 Minuten gekürzten Director’s Cut geschnitten wurde. Mit 145 Minuten (2 Stunden 25 Minuten) ist man aber auch hierzulande immer noch ausreichend bedient und kann nicht behaupten, zu wenig Spielzeit für sein Geld zu kriegen.

Und auf diese Show sollte man sich – ob Berlusconi-Befürworter oder -verächter – definitiv einlassen. Loro entführt hier nicht nur in die korrumpierte italienische Politiker-Welt, sondern erzählt gleichermaßen anhand eines „Originals“, auf welchem Boden sämtliche Mafia-Filme fundiert sind. Und das beständige Flair, das dieser Film dabei ausstrahlt, zieht von Anfang an in seinen Bann.

Man kann jetzt nicht behaupten, dass dies „normale Umgangsformen“ wären, aber genau das ist das spannende daran: Diese schmierige, permanent-in-die-Fresse-schlagende Schleimart, mit der Berlusconi hier dargestellt wird, ist zum Anbeten gut gespielt und sorgt für viele freiwillige und unfreiwillige Lacher. Dieser Sog, der sich dabei entwickelt, grenzt fast an das Unaussprechliche, das uns The Wolf of Wall Street 2013 geliefert hat und eröffnet nun einen politisch wesentlich aktuelleren Reigen von Verdorbenheit und Sünde.

Es fühlt sich an, als hätte man Der Pate neu verfilmt, nur dass diese Gegebenheiten natürlich (!) erzählerisch gedichtet sind und rein gar nichts (absolut nichts !) mit eventuell aktuellen, lebenden Personen zu tun haben oder haben könnten. Ein Narr, wer … naja, ihr wisst schon.

In Sachen Produktionsgröße, Dialogschwere, mentale sowie gesellschaftliche Ausmaße kommt man auf jeden Fall an Francis Ford Coppolas Vorbildwerk heran und mit den richtigen Hintergrundgedanken und einer im Sessel gefesselten Genusswirkung von bildschönen, sich räkelnden Körpern auf der Leinwand erlebt man all das fast schon in Form eines drogenähnlichen Trips, aus dem man hinterher nur beschwert wieder aufwachen kann.

Mich dazu hinreißen lassen, das Werk mehrfach zu sichten, konnte ich nicht – da hat mich dann wahrscheinlich die Länge doch zu sehr abgeschreckt, aber ihn deshalb nicht anzuschauen, empfinde ich genauso als einen Fehler: Nutzt die Gunst der Stunde und gönnt euch ein Stück italienische Politik-Geschichte in unglaublich erzählerischem Ausmaß und einer betörend-schönen Verdorbenheit.

 

.kinoticket-Empfehlung: Erledigt vorher alle körperbedingten Tätigkeiten, denn die Zeit, bis die Türen sich wieder von selbst öffnen, ist lange.

Kein Grund, sich deshalb vor diesem Titel zu drücken: Hier wird auf eine unverblümte, erschreckend ehrliche und fast schon ironisch-satirische Art die Wirkensweise der Politiker am italienischen Beispiel erläutert. Die fragwürdige Situationskomik gepaart mit einer betörenden Schönheit und illustren Verdorbenheit portraitieren einen psychedelischen Trip, der einen ganz schnell gefangen nimmt und für viele Stunden bewegungsunfähig macht.

Ein Erlebnis, das man sich sehr wohl auf der großen Leinwand geben sollte.

 

Nachspann
❌ Das ist der wahrscheinlich längste Abspann, der mir je untergekommen ist – und er lohnt nicht, abzuwarten.

Kinostart: 15. November 2018

Original Title: Loro
Length: 145 Min.
Rate: FSK 12

Werbeanzeigen

Und was hast du dazu zu sagen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.