Knock Knock

Bei Eli Roth denk ich zuerst an Quentin Tarantino (warum auch immer) und anschließend an die Intelligenz von Lie to Me. Wenn dieser Typ sich also dazu aufmacht, einen Film zu erschaffen, dann muss dieses Werk irgendwie genial-verquer sein, sonst wäre es nicht Roth.

Ein weiterer Aspekt: Reeves hat seine role-of-life an Neo aus The Matrix verspielt und ist deshalb nur noch in irgendwelchen abgehalfterten Meisterwerken absonderlicher Güte zu sehen, die seine kaputte Art unterstreichend ausleben und ihm dadurch einen Showroom bieten, in dem er er selbst sein kann.

Was wäre also besser geeignet, als – mit ihm in einer der Hauptrollen – einen Film zu drehen, der dekadent eine Ballade der Destruktion feiert, die dem gemeinen Publikum nicht-wundersamerweise bitter aufstößt.

Der Mensch kommt mit Zerstörung nicht zurecht, und reagiert deshalb angewidert, wenn man ihm eben jene huldvoll und ehrlich vor die Stirn setzt – und das, obwohl er perverserweise mit nichts anderem beschäftigt ist, als sich im Alltag beständig selbst zu zerstören. Ironischerweise schmeckt diese Wahrheit – entgegengebracht von Hollywood – dann im Kino noch bitterer als anderswo und sorgt allseits für trübe Gesichter, die aus dem Kinosaal spazieren.

Dabei ist gerade dieses Werk vollgepackt mit einer Form abgöttischer Intelligenz, dass sich alle Kinohunde die Finger danach lecken sollten. Es wird kaputtgemacht – das kennen wir von Tarantino bereits zur Genüge und bei ihm stehen die Massen Beifall klatschend an den Straßenrändern und feiern ihre geistige Sinnlosigkeit – und dabei mit dem Zuschauer genau das veranstaltet, was Reeves im Film über sich ergehen lassen muss: Er wird auf perfide Weise vorgeführt und an den Rand seiner eigenen Argumentation gebracht.

Diese Arbeitsweise stinkt nicht nur gegen alle bisher flapsigen Versuche, die Welt zum Nachdenken zu bekehren, sondern begeistert dazu noch mit einem intelligent verpackten Geniestreich, der einem während dem Film noch nicht so richtig klar werden kann, weil man viel zu nah an der ganzen Sache dran ist.

Beispiel? „Kunst ist tot.“ Wenn ich mich darüber aufrege und der Meinung bin, dass man in einem Film etwas derartiges von sich geben kann, dann bin ich der Meinung, dass Kunst lebt. Wenn Kunst lebt, dann ist dieser Film auch eine grandiose Form von Kunst, die ebenfalls ihre Daseinsberechtigung hat und gerade deshalb pompös gegenüber anderen Kunststücken glänzt, weil sie so provoziert und damit von mir als Zuschauer einfordert, dass ich den Film in mein Kontra-Argument ebenfalls mit einbinde und ihn folgerichtig gut finde.

Ergo wird meine Diskussionsunfähigkeit öffentlich zur Schau gestellt und heldenhaft niedergerissen. Auf der Leinwand flimmert der Beweis, dass der Mensch nicht mehr fähig ist, sein Hirn anzuschalten.

Ein weiteres Argument für diesen Film: Der Schluss. Roth hat mit seinem letzten Satz, der im Film gesprochen wird, bewiesen, dass es alles nicht in dieser Form ernst gemeint ist, wie man es zwischendrin vielleicht vermutet – wenn man von der ganzen Thematik mal die Schuldfrage weglässt, die sich im übrigen auch nicht thesenhaft, sondern allenfalls meinungsbildend beantworten lässt. Für mich schon wieder ein Grund mehr, diesen Film geil zu finden, denn hier wird vorgeführt, was das Zeug hält und eine Leinwand hält Roth nicht davon ab, seine Show auch innerhalb des Kinosaals weiterzuführen.

Aber zurück zum Schluss: Weil Roth diesen Satz bringt und damit offenbar kundgibt, dass er selbst sehr wohl weiß, was er tut, ist dies für mich ein weiterer Fakt, dass es sich hier nicht um einfache dumme Aneinanderreihung von zufälligen Situationen handelt, die mit etwas Zurückgebliebenheit und manischer Zerstörungswut einzeln auseinandergenommen werden, sondern tatsächlich System hinter der Sache steckt, was von vornherein wohlweislich überlegt ist.

Und nun zeigt mir den Regisseur, der das – im Jahre 2015 – ebenfalls derart brachial auf die Leinwand gebracht und uns alle so vollkommen vorgeführt hat, dass man am Ende über seine eigene Zurückgebliebenheit lachen muss, weil man einsieht, dass der Hass, den man auf den anfangs schlechten Film vielleicht hatte, völlig unbegründet und sogar fast schon frech war.

Aber soweit denkt ja heutzutage keiner mehr. Warum auch, ist ja bald Weihnachten.

 

.kinoticket-Empfehlung: Hier reinzugehen, um eine Geschichte zu erleben, die sich im feuchtfröhlichen Schmuse-Einheitsbrei der altertümlichen Filmgesetze badet, ist gänzlich der falsche Weg.

Für mich ist dieser Streifen ein hammermäßiges Beispiel dafür, wie verkommen und verkorkst unsere Gesellschaft mittlerweile geworden ist, weil man hier etwas eigentlich wahnsinnig gutes vor Augen geführt kriegt und nur ein klein wenig Toleranz hinzufügen muss, um eine Pointe zu erreichen, bei der wir wohl ein paar Jahrzehnte warten müssen, bis sich erneut etwas derart schlagkräftiges den Weg in unsere Hirne bohren kann.

Traurig, dass gleich von Anfang an derart viel Unverständnis und Hass gegenüber einem solchen Geniestreich entgegen gebracht wird. Denn mir hat der Film aufgrund dessen nämlich echt gefallen!

 

Nachspann
Rausgehen und Fresse halten. Nachdenken. Wieder Fresse halten und wieder nachdenken. Und erst drei Tage später drüber sprechen, weil man es spätestens dann erst gemerkt hat, was da eigentlich gerade abgelaufen ist. Aus dem Grund gibt’s in und nach dem Nachspann nämlich auch nichts obendrauf. Dafür reicht der Film allein völlig aus.

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Ein Gedanke zu “Knock Knock

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